Uni Gründungsrektor Ludwig Heilmeyer: Braune Flecken auf weißem Arztkittel

Ulm / Von Rudi Kübler 04.03.2017

Zu Lebzeiten – und auch noch  Dekaden über seinen Tod hinaus – hatte er ein hohes Renommee in der wissenschaftlichen Welt. Er galt als Doyen der Inneren Medizin in der Nachkriegszeit, als Pionier in der Nuklearmedizin, sein Ruf als Hämatologe war unbestritten. Ihm wurden die Ehrendoktorwürden der Universitäten Athen, Frankfurt, Leuven, Santiago de Chile und Wien verliehen, er war Träger des Großen Bundesverdienstkreuzes. Das war die eine Seite des Ludwig Heilmeyer (1899-1969), treffend beschrieben in einem „Spiegel“-Nachruf: „Er war ein unorthodoxer Pontifex, urig lärmend, Weltmann aus dem Jugendstil-München, betriebsam und ein Boss – der deutsche Papst der Inneren Medizin.“

Die andere, bislang verborgene Seite: Heilmeyer, der Gründungsrektor der Universität Ulm, der Mann mit dem markanten Kinn, dem zurückgekämmten grauen Haar und der dunklen Brille, stand der NS-Ideologie nahe. Anfang Mai 1919 hatte der damals 20-Jährige als Freiwilliger des Freikorps Epp an der Niederschlagung der Münchner Räterepublik teilgenommen, so steht es im Abschlussbericht der mit Historikern und Politologen besetzten Expertenkommission zur Überprüfung der Freiburger Straßennamen. Das Freikorps, dem die späteren NS-Größen Ernst Röhm, Rudolf Heß und Otto Strasser angehörten, galt als rücksichtslos. Zahlreiche Morde gehen auf das Konto des Freikorps, das später in der Reichswehr aufging. In seinen posthum veröffentlichten „Lebenserinnerungen“ schreibt Heilmeyer: „Die Stadt wurde von den Roten gesäubert, und wir bewachten öffentliche Gebäude und sicherten die Ordnung“.

Heilmeyer engagierte sich beim Stahlhelm, einem Wehrverband, der Stellung gegen die Weimarer Republik bezog und zunehmend antisemitische und rassistische Hetze betrieb. Nach dem Studium in München ging der junge Mediziner an die Uni Jena, „sicherlich kein Zufall. Jena galt als Sammelbecken für Rechtsgesinnte“, sagt Prof. Florian Steger, Leiter des Instituts für Geschichte, Theorie und Ethik der Medizin an der Uni Ulm. An der rassenkundlich ausgerichteten Forschungs- und Ausbildungsstätte gründete Heilmeyer 1933 den Nationalsozialistischen Deutschen Dozentenbund – und übernahm offiziell das Amt des Dozentschaftsführers. Gleichzeitig trieb er seine Karriere voran. „Dass er 1937 zum Professor berufen wurde, zeigt, dass er auf Linie war. Heilmeyer stand dem System sehr nahe“, ist Steger überzeugt.

Der Ulmer Wissenschaftler will in den kommenden Monaten die NS-Vergangenheit Heilmeyers aufarbeiten. „Wir werden uns intensiv damit auseinandersetzen“, sagt der 42-Jährige, der den Uni-Präsidenten in dieser Sache hinter sich weiß. Michael Weber kündigt für diesen Herbst eine Veranstaltung im Stadthaus an, die sich im Rahmen des Uni-Jubiläums den dunklen Seiten Heilmeyers widmet. „Das Thema ist heikel und unangenehm. Wir halten aber nichts unter der Decke“, verspricht Weber.

Interessant ist beispielsweise, dass sich Heilmeyer selbst nach Ende des Zweiten Weltkriegs nicht von Verbrechen distanziert, die Mediziner in der NS-Zeit begangen haben. Im Gegenteil. Ein Jahr nach dem Nürnberger Ärzteprozess untersuchte der Internist als Mitglied einer Kommission der Deutschen Gesellschaft für Innere Medizin die Grundlage des Urteils gegen den KZ-Arzt Wilhelm Beiglböck. Dieser hatte 1944 im KZ Dachau Meerwasserversuche an Sinti und Roma durchgeführt – im Auftrag der Luftwaffe. Heilmeyer war: Luftwaffenarzt. „Die Kommission gab damals eine positive Evaluation für Beiglböck ab, sie verneinte die verbrecherische Natur der Experimente. Wie krank ist das denn?“, fragt Steger. Beiglböck kam aufgrund dieses Gutachtens früher aus der Haft – und in der Freiburger Klinik bei Heilmeyer unter. In seinen Lebenserinnerungen hat er dazu vermerkt, dass Beiglböck „durch ein besonderes Missgeschick schuldlos in längere amerikanische Haft“ geraten war.

Weit überspannt hat Heilmeyer den Bogen auch in anderer Hinsicht. Das „Handbuch der gesamten Hämatologie“ habe sich der Gründungsrektor in den 50er Jahren von seinem jüdischen Kollegen Hans Hirschfeld angeeignet, kritisiert die Freiburger Expertenkommission. Im Buch finde sich kein Hinweis, dass Hirschfeld, der in Theresienstadt ermordet wurde, Erstherausgeber war. „Das halte ich für schwerwiegend“, sagt Steger. „Heilmeyer fehlte das Unrechtsbewusstsein.“

Die Expertenkommission hat der Stadt Freiburg übrigens einstimmig empfohlen, den Heilmeyer-Weg umzubenennen.

Mit einem Kommentar von Rudi Kübler.

Und wie reagiert die Stadt?

Heilmeyer-Steige Für eine Umbenennung der Heilmeyer-Steige, die 1978 nach dem Gründungsrektor benannt wurde, spreche momentan nichts, sagt OB Gunter Czisch. Dass sich die Uni mit der NS-Vergangenheit Heilmeyers beschäftigt, sei richtig. „Wir warten aber erst mal ab, zu welchem Ergebnis die Untersuchungen kommen. Über Konsequenzen unterhalten wir uns dann“, sagt Czisch, der mit Uni-Präsident Michael Weber im Austausch steht. Die Stadt sei in der Vergangenheit mit Umbenennungen restriktiv umgegangen, es gebe zwei Kriterien: Handelt es sich um einen Funktionsträger? Hat derjenige Verbrechen gegen die Menschlichkeit begangen?