Kultur Großes Open Air: Beteigeuze feiert 25 Jahre Jugendtreff

Ulm / CLAUDIA REICHERTER 17.06.2016
25 Jahre Beteigeuze, das heißt 25 Jahre selbstverwaltete Subkultur, 25 Jahre Punk, HC, Oi, Metal-Konzerte, 25 Jahre alternativ-kultureller Freiraum. Gefeiert wird das mit sieben Bands im Liederkranz.

Wer bei „Punk“ an die vermeintliche Null-Bock-Generation der 80er denkt, an Lotterleben, programmatische Unzuverlässigkeit, ein lockeres Verhältnis zum Eigentum vor allem von anderen und an „Anarchie im Vereinigten Königreich“ oder anderswo, der liegt bezüglich des Beteigeuze falsch. Der nach einem besonders großen Planeten des Sternbilds Orion benannte Verein ist ordentlich eingetragen, besteht seit 25 Jahren und feiert das im „Liederkranz“. Spießiger geht’s nicht? Na, doch. Immerhin haben die 20 bis 30 Aktiven, die den Club mit regelmäßigen Kneipenabenden, Konzerten und Gesprächskreisen umtreiben, keine Ehrennadeln zu vergeben – weder als Silberner Iro noch als Anarcho-Faust zum Anstecken.

Der Jugendtreff mit dem intergalaktischen Namen am Rande des Ulmer Stadtgebiets – heute findet man ihn im Pfaffenhau 1 – wurde Gründungsmitglied Andreas „Jill“ Dürr zufolge zwar von „Bunthaarigen“ gegründet. Die aus diesem Grund anfangs beim Stadtjugendring offenbar „keinerlei Chancen“ hatten, Räumlichkeiten zugeteilt zu bekommen. Doch vier Jahre nach Antragstellung war es durch einen günstigen Zufall doch soweit: Die jungen Leute, die zunächst unter dem Namen Vatikan Concerts Konzerte an diversen Orten veranstaltet hatten und den Namen Beteigeuze „lustig fanden“, weil sich ob seiner Länge „alle aufgeregt haben“, durften im Fort Unterer Kuhberg einziehen. Dort gab es von Anfang an „eine offene Szene“, erzählt der 48-Jährige im UK-Subs-Shirt. Neben Hardcore-, Punk-, Oi-, Ska-Konzerten sowie Reggae und „HipHop der politischen Schiene“, die damals mit selbstcollagierten und -kopierten Flyern beworben wurden, gab es eine kurdische Gruppe, Kaffeetreff, Antifa-Volksküchen, aber auch „Sektempfang mit Tischdeckchen“, sagt Dürr. „Irgendwann haben da sogar Rollerskater-Mädchen geübt.“

Auch wenn das Finanzamt dem Verein vorbildliche Buchführung attestierte: Dessen Mitglieder benützten schon mal ihre Fäuste, wenn es darum ging, „Nazis zu vertreiben, die das Fort anzünden wollten“. So gab es irgendwann mit den Mitnutzern im Mähringer Weg Stunk. Dürr spricht von „Mobberei der anderen Mieter“. Und das Beteigeuze zog um. In eine Holzbaracke am heutigen Standort Pfaffenhau. Da die 2001 abbrannte, steht dort seitdem ein zwischenzeitlich bunt besprühter Container.

Bis heute sind im „Betei“ regelmäßig Bands zu Gast, die den „Punk“ im Namen tragen. Ansonsten aber beruhigt der 31-jährige Ex-Kassierer und heutige Bandbooker Stefan Weiß: Die vor 25 Jahren als „Verein zur Förderung des Zusammenlebens von Studierenden und Nichtstudierenden“  gegründete gemeinnützige Initiative stehe grundlegend vor allem für Pluralismus, ein offenes Weltbild und Basisdemokratie. Also nichts mit Anarchie und Lotterleben. Hier geht im Gegenteil vieles durchaus geregelt zu. Bis hin zum Thekendienst. Dienstagabends ist Plenum, da darf jeder kommen und sich zu Wort melden. Haar- und Hautfarbe spielen keine Rolle. Die Einstellung hingegen schon: „Wer engstirnig oder intolerant ist, wird sich hier nicht wohlfühlen“, meint Weiß, der zehn Jahre lang im Vorstand war. Und: „Da diskutieren wir schon mal bis Mitternacht.“

„Wir“, das sind aktuell ganz satzungskonform Studenten ebenso wie Nichtstudierende, Jugendliche ab 15 Jahren, Erwachsene bis Ende 40 und zuletzt vermehrt auch junge Eltern, sagt Jill Dürr.

Ungewöhnlich für einen Verein: Nachwuchssorgen hat das Gründungsmitglied in all den Jahren keine verzeichnet. „In dieser Szenerie kommt immer wieder was nach.“ Allen Unkenrufen zum Trotz und auch wenn die „Bunthaarigen“ im Stadtbild heute seltener sind als vor 25 Jahren: Punk is not dead. Im Gegenteil: Dürr nennt die Punkszene „quicklebendig“. Bis hin zu Diskussionen, was jetzt zu politisch sei und was zu unpolitisch oder ob der Grill mit den Veggie-Burgern neben dem mit Fleisch stehen dürfe.

Für Stefan Weiß ist „Punk“ heute vor allem „schnell, laut, kritisch“. Moment mal: laut? Da finden wir ja doch noch ein Vorurteil bestätigt. Gibt’s da keine Probleme mit Anwohnern? Doch, Bewohner eines neuen Wohngebiets klagten darüber, wenn bei Konzerten infolge des strikt eingehaltenen Rauchverbots die Tür auf- und zugehe. Doch auch dieses Problem hofft das Beteigeuze demnächst ausräumen zu können. Das Gebäudemanagement der Stadt habe jüngst vorgeschlagen, in Richtung Blau für die Raucher noch eine seitliche Tür einzubauen, sagt Weiß.

Geburtstagsfeier zwischen Bäumen, Bibern und Bären

Festival Sein 25-Jähriges feiert das Beteigeuze am Samstag, 25. Juni, mit einem Festival unter freiem Himmel. Statt am eigenen Domizil diesmal am entgegengesetzten Ende der Stadt: in der Friedrichsau. Den Rahmen für die Sause mit sieben lokalen, regionalen und internationalen Bands bietet der Biergarten Liederkranz, weshalb Booker Stefan Weiß vom „sicherlich einzigen deutschen Open-Air zwischen Bären und Bibern“ spricht. Und auch unter Bäumen.

Line-up Um 17 Uhr spielt Rampenbüro, eine junge Band mit älteren Mitgliedern; um 17.45 Uhr Herrengedeck Royal aus Augsburg mit Fun-Punk; 18.30 Uhr Karamurat, eine Ulmer Mosh-Punk-Gruppe; die Zeit zwischen 19.15 und 20.50 Uhr teilen sich die Vöhringer Sick of Society und Die Siffer aus Marbach; darauf folgt als internationaler Stargast um 21.05 Uhr die Prager Frauen-Combo Sour Bitch, laut Weiß „eine Art europäische Distillers“; den Abschluss machen von 22.10 Uhr an RastaKnast aus Hannover mit klassischem Schwedenpunk. Um die Anwohner nicht zu stressen, soll um Punkt 23 Uhr Schluss sein.

Tickets Karten im Vorverkauf gibt es für 12 Euro unter e-tickets.punk.de, Abendkasse: je 15 Euro