500-Meter-Evakuierungszone, Ersatzbeschilderung, 130 Mitarbeiter eines privaten Sicherheitsdienstes im Einsatz: War der Großeinsatz um die mutmaßliche Bombe am Hauptbahnhof am Donnerstagmorgen gerechtfertigt? Rainer Türke, Chef der städtischen Abteilung Sicherheit, spielt den Ball an die Deutsche Bahn zurück. Die sei zum Wochenbeginn mit der Mitteilung einer angeblich entdeckten Fliegerbombe an die Öffentlichkeit gegangen. „Das war mit uns so nicht abgesprochen.“ Die Stadtverwaltung habe darauf „professionell“ reagieren müssen. „Unsere Vorbereitungsmaßnahmen waren definitiv erforderlich.“ Einsicht in Pläne der Telekom habe die Stadt nicht gehabt. „Das ist auch nicht unsere Aufgabe, sondern obliegt allein der Bahn als Bauherrin.“

Die Bahn müsse folglich auch für die Kosten des Sicherheitseinsatzes aufkommen. Und die sind hoch: Etwa 100.000 Euro stellt alleine der private Sicherheitsdienst SHS in Rechnung, wie Geschäftsführer Barny Sanancakli mitteilte. Etwa 130 SHS-Mitarbeiter aus Ulm, Karlsruhe, Stuttgart und Mannheim waren mit 30 Autos von 5 Uhr morgens bis in den späten Nachmittag im Einsatz, um die Innenstadt im Falle einer Bombe mit chemischem Langzeitzünder abzuriegeln. Dann hätte sofort evakuiert werden müssen. Die Rechnung stellt das Sicherheitsunternehmen an seinen direkten Auftraggeber, das Bauunternehmen Leonhard Weiss. Letztlich dürfte die Bahn für die Kosten aufkommen.

Doch nicht nur die Kostenfrage kommt auf die Bahn zu, sondern auch die nach der Notwendigkeit des Alarms. Bereits kurz nach dem Einsatz war die Frage aufgetaucht, warum wegen eines normalen Kabelrohres der Kampfmittelbeseitigungsdienst (KMBD) anrücken musste. Ein Bahnsprecher in Stuttgart teilte auf Anfrage mit, selbstverständlich habe die Bahn im Vorfeld der Bauarbeiten bei allen Leitungsnetzbetreibern Anfragen gestellt, um den unterirdischen Leitungsbestand in die Pläne aufnehmen zu können. „Wir müssen nun prüfen, warum gerade diese Rohrleitung nicht identifiziert war.“

In Zukunft, so Türke, müssten derartige Fehlalarme vermieden werden. „Die Bauarbeiten laufen ja erst an, da werden noch ganz andere Erdmassen bewegt.“ Im Rahmen der Arbeiten für die Kabeltrasse am Hauptbahnhof werde es zu keinen weiteren Einsätzen dieser Art kommen, versichert KMBD-Vizechef Ralf Vendel. „Wenn nächstes Jahr die eigentlichen Bauarbeiten im Bahnhof für das Projekt ’Stuttgart 21’ beginnen, werden wir aber mit Sicherheit wieder im Einsatz sein.“


Am Donnerstagmorgen um 8.45 Uhr hatte der KMBD Entwarnung gegeben. Nachdem das in einer Baugrube vorm Hauptbahnhof in sechs Metern Tiefe liegende verdächtige Metallrohr von den Experten freigeschaufelt und in Augenschein genommen worden war, stellte sich rasch heraus: Es handelt sich um ein stählernes Kabelrohr.

Wie der stellvertretende KMBD-Leiter Vendel mitteilte, hat es einen Durchmesser von 1,20 Metern und wurde 1973 von der damaligen Bundespost verlegt. In seinem Inneren befinden sich 15 bis 20 Kunststoffrohre mit Telekommunikationskabeln. Das gehe aus einem Plan der Telekom hervor, die hinzugerufen wurde, als klar war, dass es sich nicht um einen Sprengkörper aus dem Zweiten Weltkrieg handelt.

Also blieben die Evakuierungspläne in der Schublade, entsprechend zügig normalisierte sich auch der Bahnverkehr, der ohnehin nicht stark beeinträchtigt war. Bis 8 Uhr waren alle Züge nach Plan gefahren. Lediglich zwischen 8 und 10 Uhr hatte die Deutsche Bahn mehrere IC- und ICE-Züge zwischen Stuttgart und München vorsorglich über Donauwörth umgeleitet. Für Passagiere aus Ulm fielen diese Verbindungen allerdings ersatzlos aus. Beschwerden oder einen größeren Menschenauflauf habe es am Hauptbahnhof zu keinem Zeitpunkt gegeben, sagt Günter Heiligmann, Sprecher der Bundespolizei in Ulm. „Die Leute waren sehr gut informiert.“ Nicht betroffen war der städtische Nahverkehr. Sämtliche Busse und Bahnen fuhren planmäßig.