Ulm Grimmelfinger wollen Erinnerung an die Fürsorgeanstalt wachhalten

JAKOB RESCH 22.09.2016
Der Obere Riedhof im Donautal war Landesfürsorgeanstalt. Eine Gruppe von Grimmelfingern will den Friedhof des Riedhofs als Erinnerunsgort bewahren.

"Das war früher eine Buchenhecke“, sagt Paula Zeeb und blickt in den Hain hart am Rand des Ulmer Donautals. Heute stellt sich die Hecke als prächtige Allee dar. Sie führt vom Eingang des Grundstücks den Hang hinauf. Am oberen Ende steht eine große Kastanie, die eine farbige Marienfigur in ein reizvolles Licht- und Schattenspiel legt. Georg Braun sagt: „Das ist der vergessene Friedhof.“ Ein Friedhof für „die Allerärmsten der Armen“. Für die Bewohner der Armenfürsorgeanstalt Oberer Riedhof im Ulmer Donautal, der auf der anderen Seite der Straße nach Erbach lag.

Paula Zeeb, 73, ist dort aufgewachsen, ihre Mutter hatte den Nähsaal der Anstalt unter sich. „So oft ich in Ulm bin, geh’ ich den Friedhof rauf.“ Georg Braun ist in der Nachbarschaft als Sohn der Wirtsleute der Bahnhofsgaststätte groß geworden. Jetzt schicken sich die beiden mit einer Gruppe gleichaltriger Grimmelfinger an, die Erinnerung an den 1974 aufgelösten Riedhof hochzuhalten. Mit dem Friedhof als letztem Relikt der abgebrochenen Einrichtung.

„Wilhelm Hudelmaier 1868-1955“, das ist das letzte intakte Holzkreuz, das auszumachen ist, auf einem Steinsockel wie alle anderen früher. Links und rechts sind die Treppenaufgänge zu den Parzellen auszumachen und im Eck das Fundament eines Schuppens. „Da hat der Totengräber gehaust.“ Braun hat die Szenerie noch lebendig vor Augen: „Da hat die Glocke vom Riedhof geläutet, bis der Zug von unten über die Brücke da war“ und der Leichenwagen vom Riedhof stoppte – einen solchen hatten nicht mal die Grimmelfinger. „Dann wurden die Leute hochgetragen.“ Der Pfarrer aus Grimmelfingen kam für die Evangelischen, für die Katholischen der aus Einsingen. Paula Zeeb: „Die Leichenzüge waren sehr rührend.“

Es geht den Grimmelfingern jetzt darum, dieses Gelände zu erhalten und zu gestalten. „Es ist ein intakter Friedhof“, sagt Braun, „da liegen Hunderte von Leuten drin.“ Ein Gedenkstein könnte den Friedhof und damit den Riedhof wieder ins Bewusstein holen. Dabei ist sich die Gruppe einig darin, dass die Erinnerung nicht verkürzt werden sollte auf die schreckliche Geschichte in der Nazizeit, mit der der Riedhof heute vor allem in Verbindung gebracht wird (siehe Info-Kasten). Damit sich in dieser Sache etwas tut, sagt Braun: „Dazu brauchen wir die Stadt.“

In der Tat gehört das Grundstück – es ist Flurstück 405/2 auf dem „Schmalen Steig“ im Landschaftsschutzgebiet Grimmelfingen – der Stadt. Und wird von der Friedhofsverwaltung betreut. Als Friedhof ist es denn auch auf dem amtlichen Stadtplan noch gekennzeichnet. Der städtische Friedhofsverwalter Ulrich Eisenbarth sagt: „Vor Jahren haben wir noch zwei, drei alte Kreuze entfernt, es ist noch ein Brunnen mit Wasserhahn drin.“ Der Friedhof sei aber entwidmet. 1999 kam mal die Frage auf, daraus einen muslimischen Friedhof zu machen, was gleich wieder ad acta gelegt wurde. Doch Eisenbarth lässt keinen Zweifel daran: „Von meinem Gefühl her ist das noch ein bisschen Friedhof und kein reines Waldstück. Da liegen Verstorbene drin. Wir dürfen diese Leute nicht vergessen.“ Die Friedhofabteilung belässt es derzeit mit Pflegedurchgängen im Grundstück, nicht zuletzt, weil sie verkehrssicherungspflichtig ist. „Zur Vergänglichkeit gehört auch dazu, dass der Friedhof nicht super gepflegt ist.“

An der Marienfigur feiern unterdessen benachbarte Kleingärtner Weihnachten. Und damit zurück auf den alten Riedhof, der weitgehend autark wirtschaftete, mit Handwerkern, Bauern, Gärtnern und Metzig, ein Weiler mit 300 bis 400 Bewohnern. Braun sagt, nach dem Krieg kamen auch Ausgebombte unter. „Da war immer ein Bett frei und ein Platz am Tisch auch.“

Und dann geht es um die vielen Verbindungen. Paula Zeeb erzählt: „Der Grimmelfinger Kirchenchor hat Weihnachten unten gesungen“, und man hatte Engelsflügel an. Die Riedhöfler ihrerseits kamen nach oben ins Dorf „zum Mosttrinken“, sagt Walter Birzle, der mit Paula Zeeb im Dorf zur Schule ging. „Jeder hat seine Anlaufstelle gehabt.“ Im Gegenzug gingen die Grimmelfinger wieder zum Riedhof runter, weil es nur dort einen elektrischen Krauthobel gab. Und der Rüben-Hannes jodelte für alle hörbar jeden Morgen um sechse ins Land, wenn er seine Viecher auf die Weide brachte.

Wenn der Friedhof wieder im breiteren Bewusstsein ist, dann soll das auch mit dem Riedhof geschehen. Braun: „Weil es zu Grimmelfingen gehört.“ Birzle: „Und ein Stück Ulmer Geschichte ist.“ Die nächste Aufgabe hat Braun schon vor Augen: „Es muss noch jemand gefunden werden, der die Geschichte des Riedhofs schreibt.“

Die Armen- und Fürsorgeanstalten

Gründung Der Obere Riedhof wurde 1893 eröffnet als Armenbeschäftigungs- und Bewahranstalt des Württembergischen Landesarmenverbands. Dieser war für hilfsbedürftige und heimatlose Landarme zuständig, im Unterschied zu den „Ortsarmen“. Mit Übergang in den Landesfürsorgeverband 1924 hieß er dann Landesfürsorgeanstalt.

Entwicklung Der Riedhof in Ulm war neben Reutlingen, Ellwangen und Markgröningen eine von vier solcher Anstalten in Württemberg, in denen, geführt von Diakonen, obdachlose, alte, kranke und behinderte Menschen untergebracht wurden. 1964 übernahm der Landeswohlfahrtsverband (LWV) die Geschäfte. Der Riedhof wurde 1974 geschlossen und durch den Tannenhof in Neu-Wiblingen ersetzt, der für schwer und mehrfach behinderte sowie pflegebedürftige Menschen da ist und heute von der LWV-Eingliederungshilfe getragen wird.

Nationalsozialismus Die verbrecherische Rassenpolitik der Nazis forderte Opfer auch im Riedhof. 58 behinderte Menschen wurden 1940 im Rahmen des Euthanasie-Programms aus dem Ulmer Donautal in Bussen in die Vernichtungsanstalt Grafeneck bei Münsingen gebracht und dort in der Gaskammer ermordet. Seit 2004 erinnert eine Stele am einstigen Standort des Riedhofs beim Ratiopharm-Logistikzentrum daran.