Architektur Rückblick: Der Streit um den Bau des Ulmer Stadthauses

Ulm / Rudi Kübler 05.08.2018
Alt-OB Ivo Gönner und Ex-SWP-Lokalchef Hans-Uli Thierer sprachen über die Auseinandersetzung im Vorfeld des Stadthaus-Baus, der heuer 25 Jahre alt ist.

Den Münsterplatz aktuell zu

arrondieren, war Ursache,

ob der Bau nun gefällt, ist

Geschmackssache,

ob er an diesen Platz passt,

ist Ansichtssache,

dass er „etwas“ zu teuer wurde,

ist Tatsache,

dass er vor allem aus Treppen-

häusern besteht, ist Neben-

sache,

dort einen Sitzplatz zu finden,

ist Glückssache,

dass die Befürworter jetzt

befriedigt sind, ist die Haupt-

sache,

dass selbige weiterhin kräftig

sponsern, ist Ehrensache,

als zweckfreie Architektur ist

das Haus wohl eine feine Sache,

wir alle werden nun damit leben

– Gewohnheitssache.

Leserbriefe, die auf wenigen Zeilen einen Sachverhalt auf den Punkt bringen – und das in humorigem Duktus – , sind auch Redakteuren eine Freude. Und das Schöne: Das kleine Kunstwerk von Renate Mayer lässt einen heute, 25 Jahre nach Fertigstellung des Stadthauses, immer noch lachen. Spiegeln die 22 Zeilen doch die Auseinandersetzung wider, die damals die Ulmer Stadtgesellschaft nicht nur erschütterte, sondern regelrecht entzweite wie kein Projekt zuvor. Pro oder contra Meier-Bau? Das war die Frage, die keine Ulmerin, keinen Ulmer kalt ließ.

Von 1987, als der Star-Architekt und Prizker-Preisträger Richard Meier die Ausschreibung gewann, bis Ende 1993, als fast die gesamte Stadt den Neubau innerhalb von sechs Wochen nach der Eröffnung stürmte, um „das teuerste Treppenhaus Ulms“ zu sehen, dominierte der Entwurf die lokalen Zeitungsseiten. Selbst danach: Die Wogen glätteten sich nur schwerlich, wie ja auch der Leserbrief zeigt, mit dem sich Renate Mayer als Gegnerin des Stadthauses positionierte. Sie nahm’s mit Humor, andere dagegen kämpften verbissen – unter ihnen Hellmut Pflüger, der Mann, der jeden Ulmer Stein mit Vornamen kannte und der als Lordsiegelbewahrer des alten Ulm eine Kampagne gegen den weißen Solitär lostrat.

„Symbol der Moderne“

An den Bauhistoriker erinnerten jüngst Alt-OB Ivo Gönner und Ex-SWP-Lokalchef Hans-Uli Thierer in einer kleinen und, wie die Besetzung auf dem Podium erwarten ließ, launigen Gesprächsrunde im Stadthaus. Anlass war die Eröffnung der Installation „Das Stadthaus – die Genese“, die auf dem Dia-Archiv Martin Rivoirs basiert. Der SPD-Stadtrat und -Landtagsabgeordnete hatte damals von seiner Wohnung am Münsterplatz aus das Werden des Stadthauses dokumentiert. Auf 600 Dias mit seiner Spiegelreflex Canon AE-1. Für ihn ist der Meier-Bau „das Symbol der Moderne. Das war der Urknall für das moderne Ulm.

Diese Einschätzung teilten auch Gönner und Thierer, sie bezeichneten den Neubau als „Türöffner für die weitere Innenstadtgestaltung“. Sprich: ohne die Meier-Architektur keine gläserne Bibliothek, keine neue Mitte. Und: Das Stadthaus und die Neugestaltung des Münsterplatzes habe darüber hinaus zu einem Umdenken im Stadtverkehr geführt. Der Münsterplatz ein schnöder Parkplatz – damals hatte der Einzelhandel ähnlich wortreich wie heute sein Ende beschworen, sollte diese Parkfläche wegfallen.

Freilich, die Entscheidung für das Stadthaus war damals denkbar knapp ausgefallen. Der Gemeinderat hatte sich zwar mit 38 zu 2 Stimmen für den Meier-Entwurf ausgesprochen, kurz darauf aber lief Pflüger los – und sammelte in kurzer Zeit Tausende von Unterschriften. Die Knackpunkte: Der Blick aufs Münster werde zugestellt, der Meier-Bau sei ein „moderner Scheiß“ und überhaupt Meier Amerikaner und deshalb ... na ja, forget it.

Erster Bürgerentscheid in der Geschichte Ulms

Thierer sprach von „wahren Schlachten auf den Leserbriefseiten und von einer Sternstunde des Lokaljournalismus“. Auch weil mit dem Projekt der erste Bürgerentscheid in der Geschichte Ulms verbunden war. Den gewannen zwar die Gegner mit 21.000 zu 17.000 Stimmen, verpasst wurde allerdings das Quorum. Woraufhin OB Ernst Ludwig „bockelhart“ (O-Ton Thierer) entschied: Das Ding wird gebaut.

Was bleibt? Das Zitat eines Architekturkritikers der „Welt“, der das Stadthaus abfällig als „Waschschüssel Gottes“ bezeichnet hatte. Hat er recht? Wenn ja: Hat jemand schon eine schönere Waschschüssel gesehen?

Noch bis 16. September im Stadthaus zu sehen

Ausstellung „Das Stadthaus – die Genese“,  so heißt der Titel der Installation, die das Entstehen des Stadthauses vom ersten Baggerstich bis zur Fertigstellung dokumentiert. Die Installation ist noch bis 16. September im Stadthaus zu sehen.

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