Es war der Palmsonntag 1937, als in der Pauluskirche, der damaligen evangelischen Garnisonskirche von Ulm, die 15-jährige Sophie Scholl und auch ihr Bruder Werner konfirmiert wurden - in brauner Uniform, was auch immer das heißen mag. Aber so viel weiß Pfarrer Adelbert Schloz-Dürr von der Pauluskirche heute schon: "Sophie Scholl gehörte zur Hitlerjugend, und zwar zur durchaus begeisterten, ja fanatischen Seite."

Am Sonntag setzt er sich zum 75. Jahrestag der Konfirmation mit der persönlichen Entwicklung der Sophie Scholl auseinander, die später das Herz des studentischen Widerstands in der Gruppe Weiße Rose werden sollte und 1943 von den Nazis hingerichtet wurde. "War der Geist des Widerspruchs 1937 bereits lebendig? Wie groß war die Sehnsucht nach Hingabe?", fragt Schloz-Dürr, um festzustellen: "Da fließen interessante Motive zusammen." Und viele Brüche tun sich auf. Konnte man Christ sein und gleichzeitig Nationalsozialist?

Eine Frage, die die evangelische Kirche überhaupt betrifft, zumal im selben Jahr 1937 die Nazis offensiv in ihre kirchenfeindliche Politik einstiegen. 12 der 13 Ulmer Pfarrer standen nicht konform zum System, aber den Widerspruch weiterzutragen, gelang auch ihnen nicht, auch wenn sie einmal erfolgreich zu einem Beerdigungsstreik antraten, wie Volker Bleil, Pfarrerkollege von Schloz-Dürr aus der Martin-Luther-Kirche, sagt. Auch diese Ebene findet am Wochenende eine eigene Veranstaltung (siehe Info-Kasten).

Um die Ambivalenz komplett zu machen, stellt Bleil seinerseits fest: "In Sophie Scholl und ihrer Familie überhaupt steckt eine tiefe Frömmigkeit, die hat sie nie losgelassen." Dafür wiederum hat er einen neuen Beleg, da zwei Poesiebücher aufgetaucht sind, in denen sich die 11- Jährige mit frommen Sprüche voller Gottvertrauen und Glaubensstärke verewigt hat - sie sind ausgestellt in der Erinnerungsstätte in der LutherKirche für die Schüler um die Weiße Rose (Sonntag bis 18 Uhr geöffnet).

Vieles lässt sich nicht mehr rekonstruieren, eine Stimmung aber, eine Seelenlage kann man herausarbeiten. Das versucht Schloz-Dürr am Sonntag. Im tieferen Sinne des Wortes scheint ihm Sophie Scholl in der Auseinandersetzung mit dem Glauben aber erst ein paar Jahre später konfirmiert worden zu sein. Das zeigt ein Briefwechsel, aus dem im Anschluss an den Gottesdienst in der Pauluskirche gelesen wird.