Der Mann ist fertig mit den Nerven: Daniel Daréus, ein erfolgreicher Dirigent, ist ausgebrannt. Er bricht zusammen und kehrt zurück in seinen Heimatort, um dort, als Leiter des örtlichen Chors, zu finden, was er verloren hat: „Er entdeckt, was alle, die mit Laien arbeiten, entdecken: die Freude am Musizieren!“

 Girard Rhoden strahlt, wenn er das sagt. Der Sänger des Theaters Ulm kann gut nachfühlen, was der Held des Stücks „Wie im Himmel“ durchmacht. Nach Jahren als Solist hatte der Tenor selbst eine Art Burn-Out und fing von vorn an mit seiner Stimme, mit seinem Verständnis von Singen überhaupt: „Ich lernte, dass Singen nicht unbedingt mit Gewalt zu tun hat, sondern mit Freude“, sagt Rhoden, der in der 20.?Spielzeit fest als Sänger am Theater Ulm ist und viel mit Laien arbeitet. Als Stimmbildner für angehende Lehrer und für die St. Georgs-Chorknaben, als Gesangslehrer und Leiter des Gospelchors Hope entdeckt auch er immer wieder, was Daniel Daréus da erlebt: „die Wahrheit des Musizierens“.

Eine geeignetere Besetzung hätte man wohl kaum finden können für die musikalische Leitung der Inszenierung, die morgen Premiere am Theater Ulm hat. „Wie im Himmel“ erzählt die Geschichte eines Musikers, der an seine Wurzeln muss, um sein Fundament wiederzufinden. Das Stück unter der Regie von Cordula Jung ist eine Bühnen-Adaption des für den Oscar nominierten schwedisch-dänischen Films aus dem Jahr 2004. Neben den – fast durch die Bank singenden – Schauspielern des Ensembles stehen Mitglieder von Sacrapella, Hope-Chor, Oratorienchor und den St. Georgs Chorknaben auf der Bühne. Trotzdem: Ein Musical sei es nicht geworden, sagt Rhoden, „es ist ein Schauspiel mit Musik“. Wenn auch eines, in dem es zentral darum geht, was Musik mit Menschen macht: „Jeder versucht, seinen eigenen Ton zu finden“, erklärt der Sänger. „Die Probleme kommen raus, weil die Leute sich durch die Musik befreien.“ Wie etwa die von ihrem Mann geprügelte Gabriella (Tini Prüfert), die in ihrer Stimme wiederfindet, was so lang in ihr geschlafen hat, „und das gilt für das ganze Dorf!“ Ist das nicht eine ganz schön pathetische Geschichte?  „Im Prinzip schon“, sagt Rhoden und lacht, „aber ich komme ja aus dem Musiktheater, da ist sowas ziemlich normal.“

Zumal er musikalisch Freiheiten hatte: Volkslieder aus dem Film etwa wurden durch Spirituals ersetzt, Lieder also, die von der Befreiung schwarzer Sklaven handeln: „Die Gefängnisse, die wir uns selbst bauen, können genauso schlimm sein“, sagt Rhoden – deshalb kann  „Steal Away“ auch vom Weglaufen aus einer kalten oder gewalttätigen Ehe erzählen, oder, am Ende, vom Tod.

Wenn Girard Rhoden vom Singen spricht, tut er das mit dem ganzen Körper – man wäre zu gern dabei gewesen bei den sechswöchigen Proben, für die der Sänger dieses Mal als Chorleiter fungierte und außerdem Jörg-Heinrich Benthien in der Rolle als Dirigent unterstützte. Eine interessante Erfahrung, 120 Leute vor sich zu haben, von denen je 40 Sänger jeweils an einer Aufführung mitwirken. Dennoch: „Es geht darum, eine Geschichte zu erzählen, nicht ein Konzert zu machen.“ Regie und Musik müssten ineinandergreifen – und das sei mit Regisseurin Cordula Jung sehr gut gelungen.

Wie es wird? „Ich bin gerade so mit den Bäumen beschäftigt, dass ich den Wald nicht mehr sehen kann“, meint Girard Rhoden. Auch ihn selbst wird man am Ende nicht sehen, aber hören, verrät er geheimnisvoll lächelnd – im Klang seines Chors.

Morgen Premiere

Das Stück „Wie im Himmel“ nach dem Film von Kay Pollak (übersetzt von Jana Hallberg) wurde für die Inszenierung bearbeitet von Regisseurin Cordula Jung. Es feiert morgen, Donnerstag, um 20 Uhr Premiere im Großen Haus. Musikalische Leitung: Girard Rhoden. Bühne und Kostüme: Britta Lammers.

Das Ensemble Es spielen Jörg-Heinrich Benthien (Daniel Daréus, Dirigent), Wilhelm Schlotterer (Stig Berggren, Pfarrer), Susanne Weckerle (Inger, Stigs Frau), Julia Baukus (Lena), Gunther Nickles (Arne/Direktor), Florian Stern (Holmfried), Fabian Gröver (Conny), Tini Prüfert (Gabriella), Aglaja Stadelmann (Siv/Agentin), Maximilian Wigger-Suttner (Erik/Arzt), Christel Mayr (Florence), Dan Glazer (Tore). Außerdem dabei sind die Statisterie und Kinderstatisterie des Theaters Ulm.

Der Chor Den „Wie im Himmel“-Chor bilden jeweils Mitglieder von Sacrapella, des Hope-Chors, des Oratorienchors und der St. Georgs Chorknaben.

Dauer Die Aufführung dauert etwa zweieinviertel Stunden inklusive Pause.

Nachtkritik Etwa eine Stunde nach Vorstellungsende steht eine Rezension unter swp.de