klassisch! Gewichtiges Schweizer Gastspiel

Das Amar Quartett: Marko Milenkovic (links), Annina Wöhrle, Ofer Canetti und Anna Brunner (rechts).
Das Amar Quartett: Marko Milenkovic (links), Annina Wöhrle, Ofer Canetti und Anna Brunner (rechts). © Foto: Das Amar Quartett interpretiert Werke von Hindemith, Schoeck und Hefti.
Ulm / Magdi Aboul-Kheir 16.11.2018

Wenn die Weise „Des Hirten Einsamkeit“ in zartem Moll anhebt, nein, dann ahnen die Hörer von David Philip Heftis 2. Streichquartett nicht, was sie sogleich erstaunen wird. Und wie das Amar Quartett bei seinem „klas­sisch!“-­Konzert im Stadthaus diese 2008 geschriebenen „Guggisberg-Variationen“ gestaltete: spannende zeitgenössische Ausdeutungen eines Volkslieds und seiner musikalischen Keimzellen.

Mikrotonale „Windungen“ gab es zu hören und eine raffinierte Pizzicato-„Reflex(ion)“, in Tönen gleißende „Lichtkegel“  und einen flirrenden, perkussiven „Schattenriss“, die Dekonstruktion eines „Idyll“ und schließlich ein Energieausbruch: „Im/unter Strom“. Der anwesende Komponist wurde anerkennend beklatscht.

Ein Schweizer Streichquartett war da also zu Gast in der Kammermusikreihe der SÜDWEST PRESSE, und das spielte auch Musik Schweizer Tonsetzer: neben Hefti stand Othmar Schoeck auf dem Programm. Dessen „Notturno“ (1931/32) für Streichquartett und Bariton ist ein Brocken: Neun Lenau-Gedichte und eines von Keller sind da in einer Tonsprache zwischen Spätromantik und Moderne gefasst worden.

Dunkle Naturbilder, Traumwelten und Gedanken über die Einsamkeit – ja, es ist ein Nachtstück, weniger ein illustrativ naturalistisches als ein seelisches. Der Bariton Marcus Niedermeyr sang die Partie wunderbar wohl dosiert, und die Instrumentalisten zeigten sich allen mal klangsatt emotionalen, mal beunruhigend irrlichternden Passagen mehr als gewachsen. Besonders der vierte Satz „Ruhig und leise“ packte unmittelbar: Musik von rätselhafter Schönheit oder auch schöner Rätselhaftigkeit.

Höhepunkt des Abends war freilich das erste Werk: das dritte Streichquartett Paul Hindemiths (1920), nach dessen eigenem Ensemble das Amar Quartett benannt ist. Energiegeladen nahmen sie die komplexen Melodielinien des Kopfsatzes in Angriff: schroff, dramatisch, agitativ. Bannend erwuchs danach aus einem simplen Vier-Ton-Motiv der langsame Satz – mit großer Intensität, aber ohne die Nüchternheit zu verleugnen, die Hindemiths Musik oft zu eigen ist. Grandios: der Gesang der 1. Violine (Anna Brunner) zu den feinen chromatischen Mittelstimmen (Annina Wöhrle, 2. Violine; Marko Milenkovic, Viola) und dem geradezu pochendem Pizzicato des Cellos (Ofer Canetti). Und das Finale: fast schon tänzerisch. Das Publikum zeigte sich beeindruckt.

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