Ulm Getreide-Ernte: "Höhere Preise geben wir weiter"

CAROLIN STÜWE 10.08.2012
Die Getreidepreise an den Rohstoffbörsen explodieren. Die Landwirte freuen sich. Die Schapfenmühle gibt die Kosten aber weiter an die Bäcker. Mühlenchef Heinz Künkele schätzt: "Und die werden nachziehen."

Herr Künkele, wie läuft derzeit die Ernte in der Ulmer Region?

HEINZ KÜNKELE: Wir haben hier bei uns eine gespaltene Ernte, vor allem beim Wintergetreide: Auf der Schwäbischen Alb lag im Winter etwas Schnee, der schützte vor Frostschäden. Aber im Donautal gab es zu 15 Prozent Auswinterungsschäden, das bedeutet jetzt weniger Ertrag. Und in Burlafingen, Weißenhorn und Illertissen waren strichweise Hagelschäden zu beklagen. Wir erwarten deshalb eine durchschnittliche Getreideernte bei unseren Vertragslandwirten.

Die sich jetzt schon die Hände reiben angesichts der enormen Preissteigerungen auf dem Weltmarkt.

KÜNKELE: Ja, das habe ich so noch nie erlebt, dass die Getreidepreise jetzt schon nach Beginn der Ernte um ein Drittel höher sind als vorher. Bisher sank der Preis immer während der Dreschsaison, weil täglich mehr Getreide auf den Markt kam. Aber ich bin froh, dass die Landwirte endlich wieder einen vernünftigen Preis bekommen für ihre Frucht. Dann haben sie Geld für Dünge- und Spritzmittel und können uns wiederum Qualitätsgetreide liefern.

Welches sind die Gründe für die ungewöhnliche Preissteigerung?

KÜNKELE: Das Brotgetreide auf dem Weltmarkt ist so knapp, dass der gesamte Vorrat derzeit nur für 50 Tage reichen würde. Ursachen sind die große Dürre in den Vereinigten Staaten und die anhaltende Trockenheit in Russland. Sollte Putin, wie befürchtet, den Getreidehahn zudrehen, wird der Preis noch weiter steigen. Noch folgenschwerer ist: In den USA verkümmert auf großen Flächen auch der Mais. Zwei Drittel davon waren als Futter vorgesehen. Deshalb wird als Ersatz mehr Weizen im Trog landen. Außerdem wandert noch viel zu viel Mais in die Ethanolproduktion und in die Biogasanlagen, also in den Tank statt auf den Teller. Und der vierte Grund ist der schwache Euro im Vergleich zum Dollar. Das treibt die Spekulanten und den Export an. Deutscher Weizen geht bereits nach Holland und sogar nach Übersee.

Aber das Ulmer Getreide landet hoffentlich auf kurzem Wege in der Junginger Schapfenmühle?

KÜNKELE: Ja, aber die Menge reicht längst nicht mehr, da wir 40 000 Tonnen Getreide wie Wintergerste, Dinkel, Weizen und Hafer direkt von den Landwirten aufkaufen, die Hälfte der Menge jetzt während der Ernte. Die restlichen 60 Prozent holen wir übers Jahr vom Landhandel. Unser Vorrat hier in der Mühle im Siloturm reicht ja nur für vier Wochen.

Won woher bekommt die Schapfenmühle noch Getreide?

KÜNKELE: Seit zwei Jahren nehmen wir die Ernte auf der Schwäbischen Alb auch in Neenstetten an, und seit diesem Jahr kommt noch die Region Göppingen hinzu. Von dort holen wir den Rohstoff mit 25-Tonnern ab. Für unsere vor zwei Jahren ausgebaute Schälmühle zur Herstellung vor allem von Haferflocken importieren wir den Hafer aber inzwischen aus Tschechien und Polen. Diese Länder sowie Italien und sogar Südafrika bekommen wiederum von uns die hochwertigen Haferflocken - für Müslis und für die Kindernahrung.

Die Preise steigen, die Produktion der Mühlen brummt - was bedeutet das für den Verbraucher?

KÜNKELE: Wir haben diese Woche aufgeschlagen! Wir müssen die höheren Getreidepreise weitergeben an die Bäcker und die anderen Mehl verarbeitenden Betriebe. Denn 80 Prozent unserer Gesamtkosten gehen für den Rohstoff drauf.

Bundeslandwirtschaftsministerin Ilse Aigner sieht noch keine steigenden Preise für Brot und Brötchen...

KÜNKELE: Mit dieser populistischen Aussage will sie nur Wähler gewinnen. Es ist doch klar, dass Brot und Brötchen teurer werden. Diese allgemeinen Preissteigerungen kann der Bäcker auf lange Sicht nicht schlucken.

Seit wann arbeiten Sie schon als Chef in der Mühlenbranche?

KÜNKELE: Seit 1974, ich bin jetzt 62 und hole mir inzwischen übers Internet weltweit die Informationen. Alle zehn Minuten aktualisiert die Rohstoffbörse in Paris die Preise. Und ich lese, was die Inder und die Australier mit ihrem Getreide machen, sie exportieren.

Drei Worte zu Ihrem Job derzeit?

KÜNKELE (überlegt kurz und lacht): Es ist spannend!