Waldenbuch Gesucht: Stein fürs Münster

Noch ist der Schönbuch teilweise schneebedeckt. Aber die mächtigen Sandsteinquader sind dennoch zu erkennen. Liegt hier die Zukunft des Ulmer Münsters, das heißt: seiner Sanierung? Fotos: Martin Müller
Noch ist der Schönbuch teilweise schneebedeckt. Aber die mächtigen Sandsteinquader sind dennoch zu erkennen. Liegt hier die Zukunft des Ulmer Münsters, das heißt: seiner Sanierung? Fotos: Martin Müller
Waldenbuch / MARTIN MÜLLER 07.03.2013
2012 haben sich Bagger im Waldenbucher Wald in den geologischen Untergrund gebissen. Gesucht werden Stubensandsteinquader zur Restaurierung des Ulmer Münsters. Der erste Versuch war nur halb erfolgreich.

Mit 161 Metern hat das Ulmer Münster den höchsten Kirchturm der Welt. Der gotische Bau ist eine Dauerbaustelle, es besteht unablässig Erneuerungsbedarf. Deshalb ist die Münsterbauhütte - demnächst unter neuer Regie (siehe erste Lokalseite) - auf der Suche nach Ersatzsteinen.

Ins Auge gefasst ist eine Stubensandsteinbank im Staatsforst bei Waldenbuch, zwischen Leinfelden und Tübingen. Allerdings erwies sich die Fundstelle nach dem ersten Probeabbau im Vorjahr nicht als optimal. Deshalb werden nun ein paar hundert Meter weiter hangaufwärts neue Probebohrungen gemacht.

Dazu durchkämmt das Landesamt für Geologie Freiburg den Schönbuch. Hier haben schon die Altvorderen Sandstein für große Kirchenbauwerke gebrochen - zum Beispiel bei Schlaitdorf im Landkreis Tübingen, von wo auch Stein fürs Münsters geliefert wurde.

Gesucht wird ein besonders harter, witterungsbeständiger Stubensandstein. Dass der zu hebende Schatz sich bei Waldenbuch befinden könnte, lassen die Analysen der Materialprüfungsanstalt (MPA) in der Uni Stuttgart hoffen. Dort waren vergangenes Jahr nach einem Probeabbau erste Gesteinsproben auf den Prüfstand gestellt worden. Um die Druckfestigkeit zu überprüfen, wurden die Sandsteinquader im Labor malträtiert, unter intensivem UV-Licht auf minus 20 Grad schockgefroren und im Hauruck-Verfahren auf plus 50 Grad hochgeheizt. Durch diesen extremen Frost-Tau-Wechsel wurden Jahrzehnte der Verwitterung simuliert.

Das Ergebnis fiel "sehr günstig" aus: "Ja, es handelt sich um den gesuchten, kieselig gebundenen Stubensandstein der oberen Deckschicht", sagt Dr. Wolfgang Werner, leitender Direktor im Freiburger Landesamt für Geologie. Dennoch musste der erste Probeabbau eingestellt werden, der auf vier Meter Tiefe aufgeschlossene Steinbruch wurde zur Hälfte wieder verfüllt, der Rest soll als Geotop offen bleiben. Der Grund dafür liegt in einer simplen Tatsache, die die Geologen unterschätzt hatten: Die erkundete Sandsteinbank befindet sich zu sehr im Hangbereich - und dieser Hang rutscht. Dieses Phänomen führt Werner darauf zurück, dass im Untergrund ein kompaktes durchfeuchtetes Tonpaket lagert. Wie auf einem Film driftet die komplette Sandsteindecke auf diesem Tonpaket hangabwärts - wenn auch nur im Zeitlupentempo: "Es handelt sich wohl nur um einen Hundertstelmillimeter im Jahr", sagt Werner.

Aber immerhin: Seit der letzten Eiszeit hat der minimale Hub bewirkt, dass die angetroffene Gesteinsbank in sich zerfallen ist in mittelgroße Schollen. Das große Problem ist also weder die "sehr gute Schichtmächtigkeit" der Bank noch die witterungsbeständige Materialbeschaffenheit des Stubensandsteins, sondern einzig und allein der erodierte Zustand am aufgeschlossenen Fundort. Werner: "Wir können an Ort und Stelle viel zu wenige große Blöcke gewinnen, die wir für die Restaurierung des Ulmer Münsters so dringend brauchen."

Doch dem Problem wird abgeholfen. Seit Februar laufen unter Federführung des Landesamts für Geologie in einem Natura-2000-Gebiet weitere Probebohrungen: im selben Gewann, 400 Meter hangaufwärts auf 20 Meter höherem Niveau. Eine erste Probebohrung ergab ein vielversprechendes Profil. Jetzt suchen Werner und seine Mitstreiter eine günstige Fundstelle möglichst dicht am Waldweg, "im geschonten Bereich" wie die Geologen sagen. Sprich: Eine Stelle, die von tektonischen Erosionsprozessen verschont geblieben ist (siehe Infokasten).

Die Forstbehörden hatten grünes Licht für der Bohrungen gegeben und dafür, dass womöglich neue Steinbrüche aufgemacht werden dürfen. Für einen neuerlichen Probeabbau muss freilich ein Genehmigungsverfahren durchlaufen werden. Mit neuen Steinbrucharbeiten ist nicht vor Sommer zu rechnen.

Aber: Es ist noch nicht aller Tage Abend für das Ulmer Münster und seine dringend benötigten Bauklötze vom Schönbuch.