Ulm / CHRISTINE LIEBHARDT  Uhr
Es ist ein Experiment: In den kommenden zwei Jahren soll ein externer Gestaltungsbeirat die Stadt beraten. Jetzt hat er erstmals getagt und sich mit drei geplanten Projekten beschäftigt. Wie läuft das ab? Mit Kommentar: Kein Abnickremium.

Eigentlich alles recht unspektakulär: Da sitzen sie nun am Tisch des Kleinen Sitzungssaals, sehen sich auf die Leinwand projizierte Skizzen und Entwürfe an, stellen Fragen und machen Vorschläge – der neue Gestaltungsbeirat der Stadt hat seine Arbeit aufgenommen und erstmals getagt. Mit dabei waren drei der vier Mitglieder, die die Ulmer Baukultur stärken sollen: als Leiter der Städtebauer Markus Neppl vom Karlsruher Institut für Technologie, die Stuttgarter Architektin Julia Klumpp und die Landschaftsarchitektin Doris Grabner aus Freising. Architekt Detlef Sacker aus Freiburg war erkrankt

Die unabhängigen Experten beraten den Fachausschuss für Stadtentwicklung, Bau und Umwelt bei solchen Bauvorhaben, die sich besonders aufs Stadtbild auswirken. Baubürgermeister Tim von Winning formulierte es so: „Wir wollen in die Öffentlichkeit sagen: Das Thema Architektur ist wichtig, auch abseits wettbewerbsträchtiger Bauten.“ Weshalb auch private Bauvorhaben behandelt werden, so sie an markanter Stelle entstehen sollen.

In der ersten Sitzung waren das drei geplante Wohn- und Geschäftshäuser – in der Kapellengasse in Söflingen, in der Gartenstraße im Dichterviertel sowie in der Sedelhofgasse. Von der Typologie dieser Viertel sollten sich die Beiräte selbst ein Bild machen, also ging’s am Morgen erstmal nicht-öffentlich auf Tour. Öffentlich diskutiert wurden die Bauvorhaben dann am Nachmittag. Und zwar insbesondere zwischen Gestaltungsbeirat und Bauherren, derweil die Stadträte sich im Zuhören übten. Nicht grundlos, wie Siegfried Keppler (CDU) hervorhob: So war es am Morgen mit dem Baubürgermeister ausgemacht worden. „Wir sind kein politisches Debattiergremium“, stellte Neppl klar.

Eine Stunde ist für jedes Projekt veranschlagt. Der Architekt stellt seine Pläne vor, die Beiräte fragen und diskutieren. Was so weit gehen kann, dass ein Entwurf ganz in Frage gestellt wird. Beispiel Wengenviertel, Sedelhofgasse 4, wo derzeit ein überdachter Parkplatz ist. An seine Stelle soll ein Neubau mit Giebeldach rücken. Mittels einer rückversetzten Verbindungsfuge soll das Haus an das östlich angrenzende Eckgebäude, das ebenfalls dem Bauherrn gehört, angeschlossen werden. Markus Neppl kritisiert die Gestaltung: „Wir haben zwei sehr klare Giebel, aber die Fuge schwächt das Bild.“ Julia Klumpp schlägt als ruhigere Lösung vor, die Fuge wegzulassen. Was Tim von Winning zur Idee weiterentwickelt, westlich noch etwas anzubauen. Damit dann alles zusammenpasst, könne die Fassade des Eckhauses vorgerückt werden.

Woran der Bauherr zu knabbern hat, befürchtet er doch, Fläche zu verlieren. Ihm wolle man das Projekt aber nicht „emotional zerschießen“, erklärt Neppl, sondern es gemeinsam nach vorne bringen. Und zwar erstmal mit einem neuen Entwurf. „Wichtig ist, dass man klüger wird“, sagt Neppl. „Man kann ein Projekt mit neuen Ideen auch beschleunigen.“ Gerade, wenn die ganze Verwaltung mit am Tisch sitze. „Das kommt nicht so oft vor.“

 

Ein Kommentar von Christine Liebhardt: Kein Abnickgremium

Ein eher seltenes Vorkommnis ist, dass sich Stadträte selbst ein Schweigegelübde auferlegen – und sich dann auch noch daran halten. Was im nicht-öffentlichen Teil des Gestaltungsbeirats zwischen Baubürgermeister Tim von Winning und Mitgliedern des Gemeinderats vereinbart worden war, kam in öffentlicher Runde zum Tragen. Und auch die Verwaltung hielt sich mit Kommentaren zurück. Mit erstaunlicher Wirkung.

Denn so entspann sich eine mit großem Sachverstand und weitgehend in ruhigem Ton geführte Diskussion um die geplanten Projekte zwischen Bauherren, Beiräten und Architekten – ohne politische Scharmützel. Besonnen, aber konsequent leitete Markus Neppl die Sitzung. Die Rolle des Beiratsvorsitzenden ist eine zwischen Stadt und Bauherren moderierende. Dabei sind Neppl und seine Kolleginnen Julia Klumpp und Doris Grabner nicht nur gefällig, sondern durchaus unbequem: mit konkreten Fragen und Forderungen, die beiden Seiten Entgegenkommen abverlangen. Und auch konstruktiv, mit Ideen und Anregungen.

Damit ist klar: Der Gestaltungsbeirat wird kein Heitatei- und Abnickgremium. Gut so, denn sonst hätte man sich das Ganze sparen können. Geht es so ernsthaft, konzentriert und kooperativ weiter, das Stadtbild immer fest im Blick – dann stehen die Chancen gut, dass manche Bausünde oder schlicht wenig funktionale Gestaltung gar nicht erst entsteht.