Was passiert mit einer jungen Frau, die gerade ihr Abitur gemacht hat und ausgerechnet am 9. November 1989 aus der süddeutschen Provinz nach Berlin fährt, um mit Freunden in ihren 20. Geburtstag hineinzufeiern - und dann die Öffnung der Mauer erlebt und die rasende Weltgeschichte und Menschen im grenzenlosen Ausnahmezustand? Sie bleibt dort, für immer.

Die Metropole Berlin nimmt Künstler gefangen, darunter nicht wenige Ulmer. Auch Ines Schaber, Tochter des früheren Baubürgermeisters Helmut Schaber, gehört zu ihnen. Im dicken grünen Begleitbuch der documenta 13 taucht die 42-Jährige als in Reutlingen gebürtig auf. Stimmt ja auch. Aber aufgewachsen ist die Künstlerin, die auf Einladung von Carolyn Christov-Bakargiev in der Kasseler Handwerkskammer ihre Arbeit "The Workhouse: Room 2 (2012)" zeigt, in Ulm. In Wiblingen machte sie Abitur, sie schwärmt von ihrem Kunstlehrer Peter Degendorfer, der ihr "das freie Denken" vermittelte, während sie vom Vater, dem Architekten und Stadtplaner, "das Konzeptionelle" mitgenommen habe.

Ines Schaber erzählt davon im Stadthaus-Café, für ein paar Tage ist sie nach Ulm gekommen, weil der Vater Geburtstag feierte und sie in Wiblingen eine Ausstellung mit seiner Malerei eröffnete. Im Stadthaus hatte Ines Schaber 2002 in der Reihe "zuhören hinschauen" dank einer Ulmer Förderpreis-Anerkennung eine kleine Fotografie-Schau, seither war sie in ihrer Heimatstadt nicht mehr präsent. Jetzt ist sie documenta-Künstlerin.

Das ist ein prominenter Titel in einer weltläufigen Biografie: Ines Schaber hat nicht nur in Berlin, an der Kunsthochschule, studiert und später in den USA, in Princeton, Architekturtheorie, sie hat auch am Goldsmith College in London promoviert über die Praxis von Bildarchiven und überhaupt international ausgestellt. Eine der "Agentinnen" der documenta-Chefin Christov-Bakargiev hat Ines Schaber für ein besonderes Projekt aufgespürt und engagiert, weil diese Künstlerin erkundet, "wie Erinnerungen gebildet" werden "und im Laufe der Zeit neue Lesarten" hervorbringen.

Auch ihr documenta-Beitrag, den sie zusammen mit der Soziologin Avery F. Gordon erarbeitete, ist eine Installation - ein so genanntes Mixed-Media Environment - mit Fotos, Videos, Dokumenten, Texten, die sich mit der Komplexität des Bildermachens auseinandersetzt und historische Wahrheit analysiert. Konkretes Thema: Breitenau, ein zentraler Ort der documenta 13, zu dem Christov-Bakargiev ihre Künstler verpflichtend hinführte, um Bewusstsein zu schaffen.

Breitenau bei Kassel, das ist ein ehemaliges Benediktinerkloster, das als Arbeitshaus für Asoziale und Prostituierte diente, später als Konzentrationslager unter den Nazis und nach dem Weltkrieg als verrufenes, brutales Erziehungsheim für Mädchen Karriere machte. Heute befindet sich in Breitenau eine Psychiatrie; aber auch eine Gedenkstätte, gefördert von einem Verein. Ines Schaber vergleicht sie mit dem Ulmer Fort Oberer Kuhberg. Wie geht man mit Geschichte um? Ines Schabers documenta-Installation ist nicht nur ein Denkgebilde über gesellschaftliche Prozesse, sondern auch ein Denkmal für die Unangepassten und Ungehorsamen.

Drei Jahre lang hat sie für diese "Workhouse"-Arbeit in den Archiven geforscht, das Material künstlerisch umgesetzt. Was im Übrigen nicht gerade eine ernährende Kunst ist: "Solche Projekte sind in keinem Kulturhaushalt in Deutschland integriert", sagt Ines Schaber. Die documenta bezahle auch nur die Produktionskosten. In Kassel, auf der Weltkunstausstellung, reüssieren jene Künstler, deren Galerien mit dem gewachsenen Marktwert ihrer Helden agieren.

"Wilde Malerei wäre als Überlebensstrategie besser gewesen", sagt Ines Schaber, die zahlreiche Stipendien und Preise erhielt, schmunzelnd. Aber solche Kunst habe sie nie interessiert, schon als Teenager sei sie "revoluzzermäßig drauf" gewesen. Als sie 1990 in Berlin anfing, Bildende Kunst zu studieren, sei das Angebot dort aber konservativ bis katastrophal gewesen: "wilde Malerei, sonst nichts". Dann kam die Fotografin Katharina Sieverding, die eher im Beuys-Stil unterrichtete "und die Einzige war, die realisierte, was in Berlin passierte". So wurde auch Ines Schaber mitgerissen als gesellschaftlich orientierte Künstlerin, die gleichwohl "keine Protokollantin der Gegenwart" sein will. Diese nachdenkliche Frau befragt vor allem das Verborgene, nicht Sichtbare.