Soziales Gemeinsam für Bildung und Erziehung seit 100 Jahren

Ulm / Verena Schühly 21.07.2018

Man kann uns nicht trennen: Schule und Kinderhaus wirken seit 100 Jahren Hand in Hand für Erziehung und Bildung, getragen von immer wieder innovativen Ideen.“ So beschreiben Stefanie Andelfinger, Leiterin des Kinderhauses St. Maria, und Oliver Jaschek, Leiter der katholischen Fachschule für Sozialpädagogik (Kafaso), die Besonderheit der Ulmer Einrichtung, die heute ihr Jubiläum feiert.

1918 haben Franziskanerinnen von Reute die Doppel-Einrichtung gegründet: „Es war das erste Kindergärtnerinnen-Seminar mit angegliedertem Kindergarten in Württemberg. Von Anfang an waren Theorie und Praxis eng verzahnt“, sagt Jaschek, „dafür werden wir heute noch beneidet.“

Innovativ war auch die Arbeit: Die Prügelstrafe war verboten und die Selbstbestimmung des Kindes stand im Vordergrund, nach den pädagogischen Grundsätzen Friedrich Fröbels.  Im ersten Jahr begannen 50 Schülerinnen ihre Ausbildung. Der Kindergarten hatte zwei Gruppen mit je 50 bis 70 Buben und Mädchen, die von einer Kindergärtnerin betreut wurden.

Der Orden betrieb die Einrichtung mehr als 70 Jahre lang. 1988 gab Schwester Melosa Steeb die Leitung der Schule ab, die sie seit 1966 inne gehabt hatte. Für ihr Wirken bekam sie 1983 die Bürgermedaille der Stadt Ulm. Im Kinderhaus übernahm Stefanie Andelfinger 2005 das Ruder von Schwester Yvonne Baumann.

Die Schwestern reagierten auf gesellschaftliche Entwicklungen: So hat die Kita in den 1970er Jahren Gastarbeiterkinder in einer Tagesgruppe aufgenommen, weil oft beide Elternteile berufstätig waren – Vorläufer der Ganztagsbetreuung. „Es gelingt uns seit Jahrzehnten, ein friedliches Miteinander der Kulturen, Ethnien und Religionen zu leben“, sagt Andelfinger, „wenn die Familien erleben, wie das im Kleinen in der Kita funktioniert, geht es auch im Großen.“ Das katholische Profil sei dafür kein Hindernis. Aktuell arbeiten sechs Erzieherinnen mit 50 Kindern in zwei Gruppen.

Die Anforderungen an pädagogische Fachkräfte sind stetig gewachsen, das wirkt sich auf die Unterrichtsinhalte aus. „Heute gelten Kitas als Bildungseinrichtungen für die Jüngsten“, sagt Schulleiter Jaschek. Der Fokus liegt aktuell auf Sprachförderung und Integration von Kindern mit Migrationshintergrund.

Die Kafaso legt Wert auf Lehrkräfte, die  Berufserfahrung als Erzieher haben, ehe sie weiterstudierten. Stefanie Andelfinger ist ein Beispiel: Sie hat in den 80ern in St. Maria den Beruf gelernt. Derzeit hat die Fachschule 25 Lehrer und 300 Schüler,  15 davon sind Männer. Obwohl in katholischer freier Trägerschaft, steht die Einrichtung allen offen. 1992 hat die erste muslimische Schülerin ihre Ausbildung begonnen.

„Gelebte Christenheit verstehen wir als Auftrag, die Fähigkeiten jedes und jeder zu  fördern, solidarisch zu handeln und das gesellschaftliche Umfeld mitzugestalten“, macht Oliver Jaschek deutlich. Dazu passt seit den 1990er Jahren die pädagogische Ausrichtung nach Maria Montessori, bei der die Individualität im Vordergrund steht. Die Erzieher sehen sich als „Begleiter der Kinder auf ihrem eigenen Weg“.

Info Zum Jubiläum gibt es heute, Samstag, von 10 bis 17 Uhr einen Tag der offenen Tür in den Räumen an der Zeitblomstraße 41/Karl-Schefold-Straße 22.

Im Zeitraffer: Meilensteine der Einrichtung von 1918 bis 2018

1918 Ordensschwestern aus Reute erwerben die ehemalige Schürzenfabrik Emil Herbst. Sie richten ein Kindergärtnerinnenseminar mit Wohnheim und einen Ausbildungskindergarten ein.

1944 Schließung: Die Räume werden als Notlager für Schwestern, Mädchen und Frauen genutzt.

1945 Kita und Schule nehmen den Betrieb wieder auf.

1960 Bubenhort und Schulkindergarten werden eingerichtet (letzterer besteht bis 1984).

1971 Das Kindergärtnerinnenseminar wird zur katholischen Berufsfachschule für Sozialpädagogik.

1989/91 Der Kindergarten richtet sein pädagogisches Konzept nach Maria Montessori aus und führt den Marchtaler Plan ein. In der Schule beginnen Ausbildungskurse zum Montessori-Diplom, initiiert von Schulleiter Ulrich Steenberg (1988 bis 2011).

1991 Die Franziskanerinnen übergeben die Trägerschaft beider Einrichtungen an die Stiftung katholische freie Schule der Diözese Rottenburg-Stuttgart.

2002 Erster Ausbildungskurs Heilpädagogik startet.

2003 Aufnahme des ersten männlichen Schülers.

2004 In der Schule beginnt der erste Kurs zur Fachhochschulreife (Dauer: vier Jahre, gleichwertig wie Bachelor-Abschluss).

2012 Startschuss für den ersten Ausbildungskurs der praxisintegrierten Erzieherausbildung (Pia)  für Menschen mit Berufserfahrung (Dauer: drei Jahre).

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