Ulm Geistig behinderte Jugendliche: Vorbereitung auf den Arbeitsmarkt

Er hat seinen Platz gefunden: Valmir Gashi wird im Regionalen Ausbildungszentrum zum Beikoch ausgebildet. Von dieser Chance hat er immer geträumt.
Er hat seinen Platz gefunden: Valmir Gashi wird im Regionalen Ausbildungszentrum zum Beikoch ausgebildet. Von dieser Chance hat er immer geträumt. © Foto: Cornelia Schaal
UTE GALLBRONNER 11.04.2014
Valmir hat extra den guten Anzug rausgesucht für diesen Tag. Er sitzt am Tisch, ist merklich aufgeregt, als er seine Geschichte erzählt. Vor fünf Jahren ist er nach Deutschland gekommen, konnte hier nie Fuß fassen. "Vor allem wegen der Sprache", sagt der 19-Jährige. Er träumte von einer Ausbildung, doch ein Schulabschluss war für ihn unerreichbar.

An der Max-Gutknecht-Schule hat er eine Chance bekommen, zusammen mit vier weiteren jungen Menschen. Sie sind die ersten Absolventen des Projekts "Kooperative berufliche Bildung und Vorbereitung auf den allgemeinen Arbeitsmarkt", kurz KoBV. Es ist ein Projekt, in der geistig behinderte oder sehr schwache Förderschüler soweit fit gemacht werden, dass sie eine Chance haben, auf dem ersten Arbeitsmarkt unterzukommen. "Alle fünf haben das geschafft", sagt Schulleiter Roland Groner. Darauf sind alle stolz, die geholfen haben, vor allem natürlich aber die Schüler selbst.

Dennis arbeitet beim Grünflächenamt der Stadt Ulm. "Ich habe einen Zwei-Jahres-Vertrag", erzählt der 20-Jährige, für den der Weg in eine Behinderten-Werkstatt eigentlich vorgezeichnet war. Erst war er an einer Grundschule, später am Sonderpädagogischen Bildungszentrum Gustav-Werner-Schule. Jetzt kümmert er sich um Rasenflächen, pflanzt Blumen und ist viel im Wald unterwegs: "Und ich habe den Motorsägeschein gemacht." Überzeugt hat Dennis seinen Arbeitgeber vor allem durch seinen Mut und seine Einsatzbereitschaft: Nur er und sein Chef trauen sich auf die höchsten Bäume zu klettern.

"Viele Rädchen müssen ineinandergreifen, damit solch ein Projekt funktioniert", sagt Groner. Da ist zum einen die Max-Gutknecht-Schule selbst, eine private Sonderberufsschule, deren Schulträger die Stiftung Liebenau ist. Dazu kommen die Agentur für Arbeit, der Integrationsfachdienst, das Staatliche Schulamt und vor allem das Regionale Ausbildungszentrum (RAZ), das mit der Gutknecht-Schule in der Schillerstraße 15 untergebracht ist. Sie alle tragen personell oder finanziell dazu bei, dass das KoBV funktioniert.

Zwei Jahre sind die Schüler in der Regel im BVE, nur die Besten schaffen es ins KoBV aufgenommen zu werden, das weitere 12 bis 18 Monate dauert. "Für viele BVE-Schüler ist es schon eine Herausforderung täglich mit dem Bus zur Schule zu fahren. Das darf man nicht vergessen", erklärt Groner. Valmir und Dennis haben es geschafft. Sie waren die Pilotgruppe und haben es durchgezogen. "Manchmal war es hart, aber ans Aufgeben habe ich nie gedacht", sagt Dennis, der in seinem ersten Praktikumsplatz nicht zurechtgekommen ist. Doch das Praktikum bei der Stadt, das war dann ein Volltreffer. "Ich bin einfach gerne draußen", erzählt er.

Das KoBV ist angelehnt an die duale Ausbildung. Die Schüler haben theoretischen Unterricht, lernen zudem Berufe kennen. Das RAZ hat eine eigene Bäckerei und eine Küche, auch eine Metzgerei-Theke. Wie die Berufsschüler, die hier ihre Ausbildung etwa zum Beikoch oder zur Fachgehilfin im Verkauf machen, erwerben die KoBV-Absolventen berufspraktische Grundlagen.

Wenn die Schüler rausgehen, so wie Dennis zum Grünflächenamt, ist der Jobcoach an ihrer Seite. Da kann es durchaus sein, dass er mal eine Woche lang jeden Schritt begleitet, jeden Handgriff erklärt. "Das kann der Meister im Betrieb natürlich nicht tun, dafür fehlt ihm die Zeit. Genau hier setzen wir an. Denn das Wichtigste für unsere Schüler ist Routine, Routine, Routine", sagt Groner.

Während es Dennis ins Freie zieht, steht Valmir am liebsten in der Küche. Er wird nach Abschluss des KoBV im RAZ zum Beikoch ausgebildet. In der Küche des Hauses wird richtig gekocht, die Essen gehen in den freien Verkauf. Gleiches gilt für die Bäckerei. "Ich bekomme weniger Geld als die anderen, aber wenn ich die Ausbildung schaffe, verdiene ich mehr", sagt Valmir.

Er ist der einzige, der diesen Weg nimmt, nehmen kann. "Vielleicht mache ich später auch eine Ausbildung", sagt Dennis. Seine Lehrer trauen ihm das zu: "Aber das muss ich mir noch überlegen. Leicht ist das nicht."

Schule und Ausbildung