Gewalt Gehbehinderten im Seniorenheim aus dem Rollstuhl geprügelt

Neu-Ulm / HANS-ULI MAYER 06.12.2015
Zwei Bewohner des Caritas-Seniorenzentrums beschimpfen und verprügeln sich. Einer von beiden fällt aus dem Rollstuhl, sein Gebiss wird zertrümmert.
Am Ende einer knapp einstündigen Verhandlung stand dem Neu-Ulmer Amtsgerichtsdirektor Thomas Mayer die Fassungslosigkeit ins Gesicht geschrieben. „Was soll ich mit ihnen beiden nur machen?“, fragte er mehr oder weniger rhetorisch die beiden wegen gegenseitiger Körperverletzung angeklagten alkoholabhängigen Männer und fasste seine ganze Ratlosigkeit in eine Frage an die Staatsanwältin.

„Wenn ich die beiden verurteile, muss ich sie ins Gefängnis stecken. Wollen sie die beiden Männer wirklich hinter Gitter sehen?“ Das wollte auch die Staatsanwältin nicht, weshalb sie trotz der zahlreichen Vorstrafen beider Männer die Einstellung des Verfahrens beantragte, das tiefe Einblicke in das von Niederlagen und Alkohol gezeichnete Leben zweier unter Betreuung stehender erwachsener Männer gewährte.

Beide waren schon verheiratet, wobei der Jüngere nicht mehr weiß, wann: „Ich bin froh, wenn ich nicht mehr daran denken muss.“ Immerhin weiß er, dass er zwei Kinder hat. Deren Alter aber kann er auch nicht angeben. „Irgendwie“ vier Jahre seien sie auseinander.

Verhandelt wurde gegen beide wegen eines Vorfalls, der sich im September in der Raucherecke des Seniorenheims zugetragen hat, in der die 47 und 62 Jahre alten Männer ganz fürchterlich aneinander geraten sind. Ihre Darstellungen freilich gehen weit auseinander. Letztlich lag der 47-jährige Rollstuhlfahrer mit einer blutenden Nase auf dem Boden, neben ihm sein Gebiss, das bei der Handgreiflichkeit auch noch entzwei brach.

Wer wem zuerst „eins auf die Fresse gehauen“, „eine gedonnert“ oder „zentriert“ hat, wie sich die Herren ausdrückten, ließ sich nicht wirklich nachvollziehen. Fest steht, dass sich die Männer, die früher gerne mal gemeinsam „ein Bierchen gezwitschert“ haben, nicht mehr grün sind. Nicht zitierfähige Kraftausdrücke und Beleidigungen gehören zu deren Alltag und blieben in abgeschwächter Form auch im Gerichtssaal nicht aus. Letztlich ließ Richter Mayer Gnade vor Recht walten, stellte das Verfahren ein und drohte beiden: „Wenn ich von Ihnen noch etwas mitbekomme, sperre ich sie gnadenlos ein.“