Die Zutaten sind klar: Man nehme einen erfolgreichen Film, eliminiere, was auf einer Bühne nicht gezeigt werden kann, verwandle die Schnitte und die Montage des Streifens in Dramaturgie, lasse das Undarstellbare von einem Erzähler berichten. Jetzt muss man nur noch die entscheidenden Szenen auf der richtigen Temperatur köcheln lassen, die Balance zwischen Spannung und Timing punktgenau finden. Und schon kann man eine wunderbare Bühnenfassung servieren.

Das Rezept ist ganz einfach, sollte man meinen. Doch was bei der Zubereitung alles schieflaufen kann, war jetzt bei der Premiere von „Soul Kitchen“, diesem Schauspiel mit Musik nach dem Erfolgsfilm von Fatih Akin, im Theater Ulm zu sehen.

Zinos (Lukas Schrenk) betreibt in der Industriestraße 101 sein Restaurant, dessen Speisekarte vor allem aus Tiefgekühltem besteht, das er in ranzigem Fett frittiert und gern mit Sahnesoße serviert – auch Pommes. Doch den Leuten schmeckt’s

Zinos ist der Held eines modernen Märchens, das gleich von Beginn an einen Knacks hat: Zinos’ Freundin Nadine (Nicola Schubert) geht nach Shanghai, um dort Karriere zu machen. Zinos, an sein Restaurant gekettet, bleibt zurück. Als ihn ein Bandscheibenvorfall ereilt, stellt er den genialen, eigensinnigen und unbeherrschten Koch Shayn (Fabian Gröver) ein, der eine Bedingung stellt: Er kocht wie und was er will. Das Konzept geht wider Erwarten auf: Das Soul Kitchen wird ein Erfolg – bis das Finanzamt und das Gesundheitsamt anrollen. Gefahren, die Zinos und seine Freunde jedoch meistern.

Doch mit einem hat Zinos nicht gerechnet: Ausgerechnet sein kleinkrimineller Bruder Illias (Benedikt Paulun), dem er die Geschäftsführung des Restaurants überträgt, um zu Nadine nach China reisen zu können, verzockt das Soul Kitchen. Und Nadine wartet nicht mehr in Shanghai auf Zinos. Aber wie jeder vom Kino-Märchen weiß: Am Ende gibt es ein Happy End.

Eine durchaus vertrackte Geschichte, die zwei Dinge braucht: die Zeit, um sie zu erzählen, und die Entscheidung, wie man sie erzählen will. Entscheidungen trifft Regisseur Alexander Flache keine eindeutigen, und er vergeudet auch eine Menge Zeit. Denn in Flaches Inszenierung  gibt es viel Musik, gespielt von der tollen Band um Joo Kraus, die aus ihrer Trio-Besetzung – Kraus spielt Tasten und Trompete, Korbinian Kugler Bass und Torsten Krill Schlagzeug – nun wirklich alles herausholt. Dazu singen aber nunmal keine Sänger, sondern Schauspieler, die sich auch noch an Nummern wie etwa die Queen-Hymne „Too Much Love Will Kill You“ wagen. Das kann nur daneben gehen. Und die Einzige mit nachgewiesener musikalischer Kompetenz, Tini Prüfert, die auch ihre vier Nebenrollen mit Witz meistert, darf nicht ans Mikrophon.

Timing geht anders

Wo im Film Schnitte für Dramatik sorgen, müssen auf der Bühne der Fokus und das Timing helfen. Eine Schlüsselszene, die Shayns Koch-Besessenheit zeigt, ist jene, in der der Koch einem ignoranten Gast erklärt: „Gazpacho isst man kalt“. Beim letzten Wort rammt er im Film sein riesiges Küchenmesser in den noblen Restaurant-Tisch. Flache lässt Fabian Gröver aber noch ein paar Pirouetten drehen, bevor das Messer niedersaust. Timing geht anders.

Und die Personen? Die werden von der Regie ziemlich allein gelassen. Heraus kommen nicht einmal ernst zu nehmende Stereotypen. Flache schneidet wie im Film hin und her, parallele Szenen sind ebenso Fehlanzeige wie erhellende Brüche. Die Mittel des Theaters werden ignoriert.

Schade. Denn einiges wurde in der Ulmer Inszenierung auch richtig gemacht. Etwa das Bühnenbild Anja Furthmanns, das die Realitäten klar gliedert. Unten auf der Bühne die Kammerspielsituation des Soul Kitchen, oben auf dem schrägen Dach alles, was in der Außenwelt spielt. Dennoch: Diese Inszenierung  fährt ganz gemächlich gegen die Wand.

Die nächste Vorstellungen


Aufführungen „Soul Kitchen“ zeigt das Theater Ulm bis 12. Mai noch elf Mal. Die Vorstellungen im März sind heute und am 30. März, jeweils um 19 Uhr, sowie am 14., 15., 20., 22. und 27. März, jeweils um 20 Uhr. Karten: Telefon 0731/161 44 44.