Geschichte Gedenken ohne nationale Kategorie

Leni Perencevic stellte das Buch vor.
Leni Perencevic stellte das Buch vor. © Foto: Bernd Rindle
BERND RINDLE 07.12.2016

„Ich schlief auf dem Fußboden neben meiner Urgroßmutter. Eines Morgens wachte ich auf, und man sagte mir, sie sei gestorben.“ Was Stefan Barth als Achtjähriger im jugoslawischen Internierungslager Jarek durchleben musste, hatte es Jahrzehnte lang offiziell nie gegeben. Über seinem und den Schicksalen von Angehörigen der deutschsprachigen Minderheiten auf dem Balkan lag lange der Mantel des Schweigens. Den lüftet nun das im Donauschwäbischen Zentralmuseum (DZM) vorgestellte Buch „Vom Verschwinden der deutschsprachigen Minderheiten“.

Ein umfangreicher Band, der sensibel und ohne anzuklagen ein schwieriges Kapitel der deutsch-jugoslawischen Beziehungen beleuchtet, Fakten sprechen lässt und Hintergründe erklärt, nicht zuletzt im Dienste der Geschichtsbewältigung und Aussöhnung. Ein internationales Autorenteam aus 17 renommierten Wissenschaftlern hat neben ihren neuesten Forschungsergebnissen auch Zeitzeugen zu Wort kommen lassen und sich umfangreicher historischer Quellen bedient, um ein authentisches Werk entstehen zu lassen, das der Geschichte gerecht wird.

Und zwar in „keiner Sprache der Abrechnung und Revanche“, machte Dr. Andreas Kossert von der Berliner „Stiftung Flucht, Vertreibung, Versöhnung“ deutlich, die den Tagungsband gemeinsam mit dem DZM herausgibt. Angesichts des „historisch emotional aufgeladenen“ Themas „war die Wortwahl sehr wichtig“, jeder falsche Zungenschlag hätte sich als kontraproduktiv erwiesen. „Von Anfang an als mehrsprachiges Buch ausgelegt“, sei es gelungen, „nicht mehr in nationalen Kategorien zu denken“, sagte Kossert.

Was gelungen zu sein scheint, da die Präsentationen in Belgrad und Osijek „auf großes Interesse gestoßen sind“. Ein Umstand, der die Initiatoren optimistisch stimmt, dass man auch auf dem Balkan für eine saubere geschichtliche Aufarbeitung zu haben ist, obwohl wahrlich keine leichte Kost serviert wird. „Es gibt keine einfache Wahrnehmung, man muss auch den Dissens aushalten“, sagte Kossert. Denn zwischen 1944 und 1948 fanden in jugoslawischen Internierungslagern mindestens 50.000 Donauschwaben den Tod. Hunger, Krankheit, Kälte und Zwangsarbeit hatten den Alltag der internierten Menschen, zumeist Alte, Frauen und Kinder, bestimmt. Flucht, Vertreibung und Deportation hunderttausender Donauschwaben nach dem Zweiten Weltkrieg waren ein Tabuthema in Jugoslawien.

Gerade die zusammengetragenen Geschichten und Devotionalien von Betroffenen liefern eine Zeugenschaft vom Lagerleben ab, etwa das Poesiealbum eines Mädchens, das Leni Perencevic vorstellte. Ebenso die Erzählungen der beiden Donauschwaben Stefan Barth aus Futok und Hans Supritz, der in Bačka Palanka geboren wurde. Der Bundesvorsitzende der Landsmannschaft der Donauschwaben rückte noch einmal das Ziel in den Vordergrund: „Wir haben nicht nach Schuldigen gesucht.“

Info Vom „Verschwinden“ der deutschsprachigen Minderheiten. Ein schwieriges Kapitel in der Geschichte Jugoslawiens 1941 – 1955, Hrsg. von der Stiftung Flucht, Vertreibung, Versöhnung und der Stiftung Donauschwäbisches Zentralmuseum (Hg.), Berlin/Ulm 2016. 15 Euro.