Leitartikel Rudi Kübler über die Bedeutung der Pogromnacht Gedenken macht Arbeit

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ruk 10.11.2018

Offenen Protest gab es keinen, dafür aber viele Schaulustige. Manche verfolgten das Novemberpogrom lediglich mit den Augen, andere bereicherten sich – wie ein Ulmer Schuljunge – am Gut der geplünderten Geschäfte.“ Zwei Sätze aus Ingo Bergmanns Buch „1938. Das Novemberpogrom in Ulm“. Zwei Sätze, die einen fast noch mehr erschüttern als der Hass und die blanke Gewalt, die den jüdischen Mitbürgern in der Nacht vom 9. auf den 10. November entgegenschlugen.

SA-Männer waren des Nachts in Wohnungen gestürmt, hatten ehrbare Männer, Rechtsanwälte, Kaufleute und Ärzte aus den Betten geholt und wie Vieh auf den Weinhof getrieben. Der Demütigung nicht genug: Die Juden mussten in den leeren Brunnen steigen, dort traktierten die SA-Schläger die Männer, die oft nur ihren Schlafanzug trugen. Zwei Juden, der Rabbiner Dr. Julius Cohn sowie der Bankier Friedrich Mayer, starben später an den Folgen ihrer Verletzungen. Der Kaufmann Julius Barth wurde sehr wahrscheinlich am 24. Dezember 1938 im KZ Dachau ermordet, wohin 33 Ulmer und Neu-Ulmer Juden deportiert worden waren.

80 Jahre ist das Pogrom her. Was hat das mit uns heute zu tun? Viel. Sehr viel. Antisemitische und rassistische Tendenzen werden heute wieder offen geäußert. AfD-Politiker hetzen fast täglich gegen Andersgläubige, gegen Andersdenkende. Tabubrüche werden am nächsten Tag relativiert. War ja alles nicht so gemeint. Hat man alles falsch verstanden.

Parallelen zu damals sind offensichtlich. Gehetzt, gedemütigt haben auch die Nationalsozialisten von 1933 an, die Hasstiraden gegen die jüdische Bevölkerung verfingen. Mensch­-
lichkeit und Mitgefühl wurden nach und nach ausgehöhlt. Den Worten folgten Taten, und am Ende stand der Zivilisationsbruch in Form der kollektiven Ermordung von sechs Millionen Juden.

Gerade deshalb sind Bücher wie das von Ingo Bergmann wichtig. Bücher, die Namen nennen, Gesichter zeigen und Geschichten erzählen von Verfolgung, Diskriminierung, Deportation und Vergasung in den Vernichtungslagern. Gerade deshalb ist Gedenken wichtig, Gedenken, das nicht in Ritualen erstarrt, sondern wachen Auges das Heute und Morgen in den Blick nimmt und rechtsextremen sowie antidemokratischen Strömungen entgegensteuert.

Ja, Gedenken ist schön, macht aber Arbeit. Schaulustige kann man dabei nicht brauchen.

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