Der Zustand der Gänstorbrücke wird immer kritischer. Schuld daran ist im jüngsten Fall ein Schwertransporter, der mit Begleitfahrzeugen am späten Freitagabend über die Brücke gefahren ist – verbotenerweise. Denn erstens war für den 77-Tonner eine völlig andere Strecke vorgeschrieben. Und zweitens dürfen so schwere Fahrzeuge die marode Brücke nicht mehr benutzen: Die Last ist auf 40 Tonnen beschränkt. Dank der Kamera, die den Verkehr auf der Gänstorbrücke überwacht, konnte der Fahrer des Schwertransports ausfindig gemacht werden.

Schwertransport-Unternehmen dank Videoaufnahmen bekannt

Das immerhin sei das Gute an der Sache, sagen Gerhard Fraidel und Roswitha Schömig, der Leiter der Abteilung Verkehrsinfrastruktur und seine für die Brücken verantwortliche Kollegin. Die beiden können lückenlos nachvollziehen, welche Verstöße der Schwertransport begangen hat und wann.

Es war genau 22.48 Uhr am 17. Mai, als das an der geschädigten Brücke installierte Warnsystem ansprang und die Kamera das erste einer Serie von Fotos schoss, die den Schwertransport mit Begleitfahrzeugen auf der Fahrbahn zeigen. Die so genannte Monitoring-Anlage war installiert worden, um die Schäden an der Brücke zu überwachen. Die Ausschläge, die der 77-Tonner verursachte, beschreibt Roswitha Schömig als „echt heftig. Das geht schon an den Rand der Skala.“

Dank der Fotos ließ sich nachverfolgen, um welches Unternehmen es sich handelte. Ein Schwertransport muss sich seine Route genehmigen lassen und darf davon nicht abweichen. In diesem Fall verlief die vorgeschriebene Strecke für das in den Niederlanden gestartete Fahrzeug eines dortigen Transportunternehmens von der A 8 über das Kreuz Elchingen auf die A 7 und von der Ausfahrt Nersingen nach Neu-Ulm über die Leipheimer Straße in die Reinzstraße. Tatsächlich gefahren ist der Schwertransport von der A 8 über die Ausfahrt Ulm-West, Stuttgarter und Münchner Straße über die Gänstorbrücke ins Gewerbegebiet.

Stadt will Schadenersatz

Dass sich der Konvoi auch an andere Vorschriften nicht gehalten hat, fällt angesichts dieser Verstöße kaum mehr ins Gewicht. Denn auf Brücken dürfen Schwertransporte nur Schrittgeschwindigkeit fahren. Der 77-Tonner war aber deutlich schneller unterwegs. Auch das ist dokumentiert.

Gänstorbrücke wird gesperrt

Für das Unternehmen hat das Ganze Konsequenzen. „Wir lassen rechtliche Schritte und Schadenersatzforderungen prüfen“, sagt Schömig. Das kann sehr teuer werden. Nicht nur, weil die Brücke einen bleibenden Schaden davongetragen hat. Eine erste Überprüfung habe ergeben: „Der Spannstahl ist zwar nicht gebrochen, er hat sich aber bleibend verformt.“ Weitere Untersuchungen müssen allerdings folgen. Dafür muss die Gänstorbrücke in der Nacht von Montag, 27. Mai,. auf Dienstag, 28. Mai, ab 21 Uhr für mehrere Stunden gesperrt werden. Das teilte die Stadt Ulm in einer Pressemitteilung mit. Der Verkehr aus Richtung Neu-Ulm nach Ulm wird über die Herdbrücke umgeleitet, Schwerverkehr ab 24 Tonnen über die Adenauerbrücke. Für Verkehr aus Richtung Ulm nach Neu-Ulm bleibt die Brücke passierbar.

Ansonsten bleibt sie vorläufig aber einspurig in jede Richtung befahrbar. Allerdings muss das zulässige Gewicht weiter beschränkt werden: von derzeit 40 Tonnen auf 24. Das bedeutet: „Stadtbusse, Lieferwagen und kleinere Lastwagen sind weiter erlaubt.“ Alle anderen müssen Umwege in Kauf nehmen.

Ob das eine Dauerlösung ist, steht freilich nicht fest. Der Zustand der Brücke könnte sich weiter verschlechtern. Erst recht, falls sich erneut ein Schwertransport nicht an das Verbot hält. „So etwas darf nicht wieder passieren“, warnt Schömig. „Sonst können wir die Brücke nicht halten.“ Bislang ist vorgesehen, dass die Gänstorbrücke eingeschränkt offen bleibt und neu gebaut wird, bevor die Adenauerbrücke drankommt – als Bestandteil der Stadtautobahn mit B 10/B 28. Fraidel und Schömig hoffen nun auf den abschreckenden Effekt des jüngsten Vorfalls.

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Keine unmittelbare Einsturzgefahr


Schäden
Am 14. August 2018 stürzte in Genua eine Brücke ein, 43 Menschen verloren ihr Leben. Eine solche Katastrophe droht in Ulm nicht, versichert Gerhard Fraidel, Leiter der Abteilung Verkehrsinfrastruktur. Die Brücken werden regelmäßig untersucht, die Gänstorbrücke ist unter Dauerüberwachung und seit Sommer 2018 nur einspurig je Richtung offen.

Konstruktion
Darüber hinaus besteht bei der Gänstorbrücke konstruktionsbedingt nicht die Gefahr eines plötzlichen Einsturzes. Eine Spannbetonbrücke versage nicht schlagartig, „sondern hängt erst mal durch“. Sensoren messen die Belastung. Werden die Verformungen zu groß, muss reagiert werden: mit Verkehrseinschränkungen bis hin zur Sperrung.

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