Furioser Streicher-Gipfel

GOTTFRIED LOTHAR 01.10.2012
Als das zweite Konzert der 28. Wiblinger Bachtage begann, war schnell klar: Es wird ein besonderer Abend mit dem Amaryllis Quartett.

Die Musiker des deutsch-schweizerischen Amaryllis Quartetts überzeugten bei den 28. Wiblinger Bachtagen am Freitag von Beginn an mit ihrer überspringenden Spiellust, ihrem sorgsamen Aufeinanderhören und -schauen, ihrem lustvollen Auskosten von noch so kleinen Details, dem freudvollen Zuwerfen von Motiven, Rhythmen und Stimmungen und einem ausgewogenen Klangbild. Nicht umsonst bekamen die vier 2012 den Echo-Klassik für die beste Kammermusikeinspielung.

Gustav Frielinghaus und Lena Wirth an den Violinen, Lena Eckels und Barbara Buntrock (als Gast vom Mariani Quartett) sowie der Solothurner Yves Sandoz am Cello bewältigten alle Hürden von Brahms Quintett op. 111 im Barocksaal des Klosters mit stupender Leichtigkeit. Über dem Klangteppich der Geigen und Bratschen erklang wunderbar singend das erste Thema im Cello, bevor in der Bratsche ein ruhiger Walzer folgte, der dem Werk auch den Beinamen "Prater-Quintett" gegeben hat. Die Themen wurden hier wie auch in den folgenden Sätzen mannigfach variiert, bevor eine Art Csárdás kunstvoll kontrapunktisch das Finale durchrauschen ließ.

Mit dem "Vogel-Quartett" aus dem op. 33 von Joseph Haydn erlebten die begeisterten Zuhörer das Quartett pur. Die vier sympathischen Musikerinnen und Musiker nahmen sich bei aller Volkstümlichkeit der Komposition besonders der neuen Klangperspektiven an, die Haydn hier ausprobiert hatte. Schön war das im Scherzo zu erleben, das mit seinem "sotto voce" einen eher verhaltenen Klang bot, der mit dem rasanten Geturtel der beiden Violinen im Mittelteil wunderbar kontrastierend ausgespielt wurde. Zum umjubelten Höhepunkt des Abends wurde das Oktett von Felix Mendelssohn Bartholdy, das der Komponist erst 16-jährig schrieb, und das bis heute einzig dasteht. Zu den schon genannten Streichern gesellten sich Violinist Philipp Bohnen und Cellist Peter-Philipp Staemmler vom Mariani Quartett sowie Rebecca Borchert als 4. Violine hinzu.

Von Goethes Faust inspiriert und an Bach meisterlich geschult, schuf der jugendliche Komponist ein Meisterwerk mit Elfen- und Hexenmusik, Doppelquartett-Passagen und achtstimmigem Kontrapunkt. Und die Musiker, allen voran Gustav Frielinghaus mit dem extrem schweren Part der ersten Geige, interpretierten Mendelssohns Oktett in atemraubendem Spiel, das mehr als berechtigt die Schluss-Bravos aus dem Publikum evozierte.