Ulm Füttern, füttern, füttern

Ulm / CAROLIN STÜWE 09.08.2012
An die 150 kranke oder verwaiste Jungvögel landen pro Jahr bei Biologin Wiltrud Spiecker - im Wohnzimmer. Zwei Drittel dieser heimischen Singvögel kommen durch und können ausgewildert werden.

Eine Voliere mit Ziervögeln wie Zebrafinken und Wellensittichen in der Wohnung stehen zu haben, ist für Vogelfreunde nichts Ungewöhnliches. Eine zusammengewürfelte Schar von Rotschwänzchen, Schwalben, Dompfaffen, Grünfinken und Bachstelzen jedoch ist eher die Seltenheit. Bei Wiltrud Spiecker, Mitglied bei der Naturschutzbund-Ortsgruppe Ulm/Neu-Ulm, zwitschern diese Arten munter in der Fundvogel-Voliere im Wohnzimmer.

Auf einer Kommode steht noch der Käfig eines Dauergastes, ein blinder Neuntöter, der in ein Auto geflogen war. In der anderen Zimmerecke sitzen drei muntere Jungamseln in einem Käfig und sperren sofort den Schnabel auf, wenn sich Wiltrud Spiecker nähert. Davor hockt in einem Nest mit Thermometer eine ganz junge Amsel, die tagsüber jede Stunde um Futter bettelt.

Bloß nachts müssen Vögel, anders als junge Säugetiere, nicht gefüttert werden. "Hier im Wohnzimmer habe ich die Vögel immer im Blick", sagt die Bürgerberaterin in Sachen Fundvögel. Ihre Adresse am Eselsberg ist allen Umweltbehörden und Tierärzten in der Region bereits bekannt, wenn Spaziergänger aus dem Nest gefallene und verwaiste Jungvögel gefunden haben.

Jedoch betreibt Wiltrud Spiecker "keine richtige Pflegestation", weil sie aus Platzgründen nur kleine Singvögel aufnehmen kann. Größere wie Enten reicht sie weiter an ebenfalls ehrenamtliche Gleichgesinnte beispielsweise in Ludwigsfeld und Bernstadt.

Bringt jemand verletzte Fundvögel direkt zu ihr, schickt Wiltrud Spiecker sie damit zunächst zum Tierarzt. Auch äußerlich unversehrte Vögel, die eine Katze kurz in den Krallen hatte, sollten immer mit Antibiotika versorgt werden. "Ein Kratzer genügt", sagt die gebürtige Duisburgerin. Sie hat in Bochum Biologie studiert und später dort im Tierpark eine Zooschule aufgebaut.

Und wo landeten damals schon die kleinen Wildvögel, die die Tierpark-Besucher mitbrachten? Natürlich auf Wiltrud Spieckers Schreibtisch. Dort galt "Füttern erlaubt": mit Mehlwürmern, Hackfleisch, harten Eiern und Drohnenlarven, die jeder Imker gerne abgibt, damit er nicht so viele arbeitsscheue männliche Bienen im Stock hat.

Die heute 59-Jährige zog 1999 nach Ulm, weil ihr Mann hier eine neue Arbeit fand. Er sei leidgeprüft, musste er doch schon zu Studienzeiten ihre Nymphensittiche versorgen, sagt sie lachend. Für vier Jahre gönnte sich die Biologin eine Pause vor den Pflegevögeln, "um nicht so gebunden zu sein". Danach jedoch siegte wieder das Mitleid mit den hilflosen Geschöpfen.

Sind sie wieder gesund oder haben gelernt, selbstständig (aus dem Napf) zu fressen, werden die heimischen Vögel meist an der Uni West wieder ausgewildert. Dort gibt es noch viel Natur und vor allem nicht so viele Katzen wie bei Gertrud Spiecker in der Straße. Etwa 150 Vögel gehen pro Jahr durch ihre Hände. Zwei Drittel kommen durch.

Nebenher unterrichtet die Biologin am Fortbildungsinstitut Ulm Kolleg angehende Physiotherapeuten im Fach Physiologie. Im Winter geht sie thematisch in die Vollen bei ihren Kursen. Im Frühjahr und Sommer hingegen stehen nur "Wiederholungen" auf dem zeitlich zurückgefahrenen Programm. Denn zuhause warten die Vögel.

Zurück zur Startseite Zum nächsten Artikel