Rettungsdienste Für den Ernstfall gerüstet

Üben für den Ernstfall: Auch das gehört zur Konferenz. Dafür ging es nach Wiblingen.
Üben für den Ernstfall: Auch das gehört zur Konferenz. Dafür ging es nach Wiblingen. © Foto: Volkmar Könneke
Neu-Ulm / Willi Böhmer 14.06.2018

Die Notfallpläne für die Region werden nochmals überarbeitet, um für Großeinsätze mit vielen Patienten gerüstet zu sein. Das berichtete Oberstarzt Matthias Helm, Leiter der Notfallmedizin am Bundeswehrkrankenhaus, gestern auf einer Konferenz für taktische Medizin im Edwin-Scharff-Haus. Der Großraum Ulm/Neu-Ulm sei bislang der einzige in Deutschland, in dem Kliniken, Feuerwehr, Rettungsdienste und Polizei ein Konzept für solch eine Katastrophe ausgearbeitet haben. Darum geht es in der zweitägigen Konferenz, die heute Abend zu Ende geht.

Nach einem Verkehrsunfall könne sich der Notarzt auf die Versorgung der Patienten konzentrieren, sagte Helm. Nach einem schweren Chemieunfall, einem Amoklauf, Terroranschlag oder in einem militärischen Gefecht gehe es zuerst darum, Opfer und Helfer nicht weiter zu gefährden. Zivile und militärische Helfer müssten deshalb nach einem abgestimmten Einsatzplan vorgehen.  „Die Erkenntnis hat sich durchgesetzt, dass da Handlungsbedarf besteht“, sagte der Chefarzt des BWK, Generalarzt Ralf Hoffmann. Deshalb gebe es seit Jahren einen engen Austausch zwischen allen Beteiligten. Die „Combat Medical Care Conference“ (CMC) bietet dafür eine Plattform.

Hersteller von Medizinprodukten und  -apparaten haben ihre Stände aufbaut, Patienten-Dummys liegen auf Tischen und werden traktiert. Im großen Saal berichten Ärzte von ihren Erfahrungen aus Krisengebieten der Welt. Der Arzt Sam Attar aus Chicago zeigt ergreifende und blutige Bilder von seinem Einsatz im syrischen Aleppo, von Zivilisten, darunter viele Kinder, die durch Bomben und Scharfschützen schwerste Verwundungen erlitten, und berichtet, wie er und seine Kollegen zu helfen versuchten.

Den Ärzten geht es auch darum, was sie aus diesen Einsätzen lernen können. Es geht um Verletzungsmuster, die der zivile Arzt normalerweise nicht kennt. Für die Mediziner des BWK, die regelmäßig in Auslandseinsätze gehen, sind diese Bilder vertrauter. Auch deshalb ist der Austausch mit den zivilen Kollegen so wichtig.

Spätestens seit dem Terroranschlag auf die Pariser Konzerthalle Bataclan 2015, bei dem 130 Menschen getötet und 683 verletzt wurden, ist klar, dass ohne diese Zusammenarbeit das medizinische System bei einem solchen Massenanfall von Patienten heillos überfordert wäre. „Bis 2010 hat das kaum einen interessiert“, sagte Jürgen Blätzinger, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Wehrmedizin, welche die Konferenz veranstaltet. 

Der Notfallplan, der mit allen Kliniken der Region ausgearbeitet wurde, ist unter Verschluss, man wolle ja niemanden warnen. Aber so viel ist klar: Kein Arzt und Rettungssanitäter darf in einen Bereich, der von der Polizei als unsicheres Gebiet bezeichnet wird. Der gefährliche Zweit- oder Drittschlag mit zeitlicher Verzögerung würde sonst auch die Helfer treffen und das Hilfssystem lahmlegen. Polizei und Spezialkräfte müssen die Verletzten bergen, die dann außerhalb des unmittelbaren Gefahrenbereichs versorgt und auf Kliniken verteilt werden. Auch die Kliniken müssen in so einem Fall ihren Normalbetrieb auf den Kopf stellen.

Nicht immer war die Zusammenarbeit zwischen Militärs und zivilen Kräften einfach, räumt Helm ein. Es habe viele Vorurteile gegeben, Krankenhäuser fürchteten wirtschaftliche Nachteile. Aber die hohe Zahl der Anschläge in Europa habe die Notwendigkeit der engen Kooperation gezeigt. So etwas lasse sich nicht von heute auf morgen ändern, sagt Helm, „das braucht Zeit“. Aber sie kämen voran.

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Staaten sind bei der Combat Medical Care Conference vertreten, die alle zwei Jahre stattfindet. Mit dabei ist diesmal auch Dr. Andreas Stettbacher, der Inspekteur der Schweizer Armee. 

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