Wahl Fünf OB-Kandidaten im Fakten-Check

Ulm / HANS-ULI MAYER, JAKOB RESCH 13.11.2015
Mehr als 400 Zuhörer im vollbesetzten Stadthaus, mehr als 200 Zuschauer, die in der Spitze zeitgleich die Live-Übertragung auf swp.de verfolgt haben:. Das Forum der SÜDWEST PRESSE zur OB-Wahl ist auf großes Interesse gestoßen. Mit einem Video der ganzen Debatte

Das Publikum verfolgte die Debatte gespannt, ohne groß mit Applaus und Zwischenrufen einzugreifen. Nur als die dezentrale Verteilung der Flüchtlinge über das Stadtgebiet zur Sprache kam, erschallte die Forderung: „Der Michelsberg fehlt!“ Das war aber auch schon der einzige Zwischenruf der von Chefredakteur Ulrich Becker und Lokalchef Hans-Uli Thierer moderierten und von den fünf OB-Kandidaten sehr sachlich geführten Debatte.

Es war eine Diskussion ohne große Emotionen und schon gar nicht mit Empörung. Lediglich der in der Mitte des Podiums platzierte Ralf Milde (parteilos) lockerte die Runde durch gelegentlich kabarettistisch anmutende Aussagen auf. Ein Witze-Macher, ohne aber Witz-Kandidat zu sein. Zur Sinnhaftigkeit von Tempo 30 befragt, hatte er mit seiner vielsagenden Antwort „Wo es Sinn macht, macht es Sinn, wo es keinen Sinn macht, macht es keinen Sinn“ für den größten Lacher des Abends gesorgt. Und gut gelaunt vervollständigte er den Satz „Ulm ist für mich. . .“ trocken mit – „Ulm“. Außerdem trieb er sein Spielchen mit Gunter Czisch (CDU): „Ich bin froh, wenn er mir als Finanzbürgermeister erhalten bleibt.“ Martin Rivoir (SPD) bezichtigte er unterdessen eines patriarchalischen Politikstils. Er, Milde, wolle die Themen mit dem Gemeinderat entwickeln, sagte der Stadtrat – und blieb ein politisches Programm auf Nachfrage von Ulrich Becker schuldig.

Czisch und Rivoir ihrerseits traten in Talkshow-Pose fest am Tisch stehend in der Rolle der arrivierten (Lokal-)Politiker auf. Zusammen mit Stadträtin Birgit Schäfer-Oelmayer (Grüne) präsentierten sich die langjährigen Rathauspolitiker als Kandidaten, die das ganze kommunalpolitische Portfolio draufhaben und die damit in ihren Antworten in den großen Linien auch ähnlich alles bedenken – bisweilen auf Kosten der Prägnanz. Hoch- und Subkultur? Fußball und Basketball? Vieles ist gut und vieles ist wichtig.

Rivoir setzt auf das Machbare und sieht als Landtagsabgeordneter in Stuttgart die Problemlösungen, auch was Geld und Gesetze angeht, nicht durch die lokale Brille allein. Das wird bei seinem Leib- und Magenthema Wohnungsbau deutlich, wo er mit Ulm deutlich größere Anstrengungen unternehmen will und obendrein viele Rädchen ineinander greifen müssten, um den bestehenden Engpass zu beseitigen. Mit sonorer Stimme erklärt er die Sache Ulm – ganz im Stil des einnehmenden Wesens seines Parteifreunds und amtierenden OB.

Birgit Schäfer-Oelmayer war die Stadträtin anzumerken, die immer davon spricht, was der Gemeinderat alles auf den Weg gebracht habe. Beim Thema Fußball war sie ein wenig in die Defensive gedrängt, weil ihr Mann an der Spitze des SSV Ulm 1846 Fußball mit die Vereinsgeschicke lenkt. Immerhin aber sagte sie beim Thema Stadionbau so viel: „Ich war vor ein paar Jahren auf Schalke. Das war schon was Tolles.“ Ein bisschen in der Rolle der Mutter der Lokalpolitik auf dem Podium, die alle mitnimmt, sorgte sie für Schmunzeln im Publikum, als sie zum Flüchtlingszuzug sagte: „Wir kriegen das hin, ich denke: Wir schaffen das.“ Merkel ließ grüßen.

Czisch versuchte indes, klar seinen gegenwärtigen Amtsbonus als Finanzbürgermeister auszuspielen, informierte bis ins Detail und nahm bisweilen nonchalant die Statements der Mitbewerber ins Visier: „Keiner wird gefragt haben, wie das bezahlt wird. Wir zählen am Schluss zusammen. Ich rechne eh gerade mit.“ Er fuhr einen soliden „Keine Experimente“-Kurs und erntete dafür wiederholt Applaus.

In Beifallsbekundungen konnte es da nur Anja Hirschel (Piraten) aufnehmen, der vom Publikum durch die Reihen spürbar Respekt gezollt wurde, profund in den Themen und mit einer analytischen Argumentation in der Sache. „Kleiner denken“ ist ihre Devise. Das sorgt ein wenig piratenmäßig für klare Ansagen im großen kommunalpolitischen Panorama. Auf der anderen Seite hält sie aber auch die „Energieautarkie von Ulm“ machbar.

Milde konnte es sich abschließend sogar erlauben, das Publikum zu necken, als es um eine Ausweitung der Konzerte am Schwörwochenende auf dem Münsterplatz ging. Die Altersstruktur der Zuhörer im Stadthaus vor Augen, sprach er sich dafür aus, doch lieber alles beim Alten zu belassen.

Die ganze Debatte gibt es hier im Video: