Ulm.  Führungen in den Albabstiegstunnel für Leser der SÜDWEST PRESSE

Ulm.  / BERND RINDLE 11.07.2016
Nach der Theorie, die unlängst Chefingenieur Stefan Kielbassa erläuterte, nun die Praxis: Leser der SÜDWEST PRESSE durften in den Bahn-Albabstiegstunnel.

Die Reise zum Mittelpunkt des Bahntunnels beginnt im Lehrer Tal, wo hinter Schranken, eingebettet in die Landschaft, eine temporäre Container-Siedlung entstanden ist: Stützpunkt der Mineure der „Arge Tunnelalbabstieg“, die am Zwischenangriff  die knapp sechs Kilometer langen Röhren in das Alb-Gestein treiben, die einmal die Albhochfläche bei Dornstadt mit dem Ulmer Hauptbahnhof verbinden sollen. Das Basislager funktioniert nahezu autark, mit einer Infrastruktur von der Wasseraufbereitung bis zur klimatisierten Containerburg, in der geplant, gegessen und geschlafen wird.

Nach einer ausführlichen Sicherheitseinweisung geht es im Kleinbus unter Tage. Für alle Fälle tragen die Teilnehmer jetzt Einheitskleidung: Sicherheitsweste, Gummistiefel, Bauhelm. Die Einfahrt in den engen Versorgungsstollen fühlt sich an, als sei man Teil einer subkutanen Injektion. Er  führt in die eigentlichen Röhren, die von drei Seiten aus bergmännisch durchs Gestein gehauen werden: Von Dornstadt aus Richtung Ulm und vom Zwischenangriff Lehr in beide Richtungen. Gearbeitet wird in zwei 12-Stunden-Schichten, sagt Timo Rothe, der nicht nur Bauleiter ist, sondern an diesem Tag auch Reiseleiter in den Untergrund: „Während die einen schlafen, arbeiten die anderen.“

Da der Berg vornehmlich aus Kalkstein besteht, sprengen sich die Tunnelbauer den Weg zumeist frei. Zwei Bohrlafetten sorgen für die Löcher, in denen der Sprengstoff zur Zündung kommt. Unmittelbar nach der Entsorgung des Abraums werden die Wände mit Spritzbeton verkleidet. „Wenn alles normal läuft und die Geologie es hergibt, schaffen wir einen Vortrieb von sechs Metern pro Tag“, lässt Rothe wissen, der während der unterirdischen Fahrt höllisch auf die Muldenkipper aufpassen muss, die Vorfahrt haben und dieses Recht auch in Anspruch nehmen.

Alle 500 Meter sind die Röhren, durch die Züge einmal mit Tempo 250 fahren sollen, durch „Querschläge“ miteinander verbunden. An einem wird gerade an der Frischluftversorgung gearbeitet. Dort hält Timo Rothe an und lässt seine Fahrgäste kurz aussteigen. An der Tunneldecke sind rote Markierungen „Wir sind jetzt direkt unter der B 10“, klärt der Bauleiter auf, während die Besucher – Leser der SÜDWEST PRESSE – alles in Augenschein nehmen und aus ihrer Faszination kein Hehl machen. „Unglaublich, diese Logistik“, „Beeindruckend“ und „Umwerfend“ heißt es unisono. Was selbst jene in den Bann zieht, die nicht zum ersten Mal als Tunnel-Tourist unterwegs sind, wie einer der Teilnehmer sagt: „Ich war schon zweimal im Gotthardt.“

Hans-Jörg Weick war sogar schon einmal dabei, als es richtig zur Sache ging. „Als ich letztes Mal hier war, ist gesprengt worden. In zehn Metern Entfernung konnte man zusehen, wie gebohrt wurde und später die Riesen-Schaufellader das Geröll abtransportiert haben. Das war Wahnsinn“, sagt er. „Dagegen ist es heute ja wie am Wochenende.“ Was es für die Mineure eigentlich gar nicht gibt bei ihrem Arbeitspensum. Nachtruhe indessen schon, sagt Timo Rother, denn inzwischen ist die Röhre bereits unter der Wohnbebauung des Michelsbergs angekommen. „Nachts können wir da nicht mehr sprengen.“

Im Zeitplan ist man dennoch, zumal alles bislang störungsfrei gelaufen sei. Auch die Rettungscontainer nahe des Vortriebs, in denen Arbeiter Schutz und Atemluft für 24 Stunden finden, mussten glücklicherweise nicht eingesetzt werden. „Wenn alles gut läuft, werden wir dieses Jahr noch mit dem Vortrieb fertig“, sagt der Bauleiter. Der Rohbau soll bis Ende 2017 abgeschlossen sein, die Räumung der Baustelle ist für 2018 vorgesehen.

Auch die Tunnelbesucher haben die Baustelle wieder wohlbehalten verlassen. Während sie nun von Fabian Roller über die Oberflächenlogistik informiert werden, ist es nun an der zweiten Teilnehmergruppe, einen Tunnelblick zu riskieren.

„Zwischenangriff“

Tempo 250 Im Lehrer Tal, südwestlich der Kreuzung Berliner Ring und B 10, liegt die Baulogistikfläche des sogenannten Zwischenangriffs auf den Albabstiegstunnel. Der beginnt südlich von Dornstadt, besteht aus zwei Röhren und endet im Gleisvorfeld des Ulmer Hauptbahnhofs. Der Bahntunnel, in dem Züge einmal mit Tempo 250 unterwegs sein sollen, ist 5940 Meter lang und Bestandteil der Schnellbahntrasse zwischen Stuttgart und Ulm. Die Röhren werden von Dornstadt aus Richtung Ulm und von Lehr in beide Richtungen durch den Berg getrieben. Der Tunneldurchbruch erfolgt dieses Jahr, Abschluss  der Rohauarbeiten ist Ende 2017.

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