Im Fall der fünf mutmaßlich vergifteten Babys an der Ulmer Uniklinik gibt es eine überraschende Wende: Die Staatsanwaltschaft ist zurückgerudert und hat die bisher „dringend tatverdächtige“ Krankenschwester aus der Untersuchungshaft entlassen. Auf einer Pressekonferenz am Dienstagvormittag schilderten die Staatsanwaltschaft Ulm, das Landeskriminalamt Baden-Württemberg (LKA) und das Polizeipräsidium Ulm die Hintergründe.

LKA-Präsident räumt einen Fehler seiner Behörde ein

„Im Nachhinein betrachtet war das ein Fehler.“ Ohne Umschweife räumte der Präsident des LKA Baden-Württemberg, Ralf Michelfelder, einen Fehler seiner Behörde ein. Der hatte letztlich zur Verhaftung der Krankenschwester geführt, die in den dringenden Tatverdacht geraten war, fünf Säuglinge mit Morphium lebensgefährlich vergiftet zu haben.

Wie es zu dem Fehler hatte kommen können, erläuterte Regierungsdirektorin Andrea Jacobsen-Bauer vom Kriminaltechnischen Institut beim LKA in Stuttgart. Das Problem im konkreten Fall liegt ihren Worten zufolge darin, dass es für eine toxikologische Untersuchung von Muttermilch kein standardisiertes Verfahren gibt. „Ich habe in 30 Jahren keine Muttermilch untersucht“, sagte Jacobsen-Bauer, weshalb für die Untersuchung der Proben aus der Ulmer Kinderklinik keinerlei Vergleichswerte vorlagen.

Der chemische Vorgang solcher Untersuchungen ist kompliziert und durch das Fehlen vorgegebener Standards auch fehleranfällig, wie sich gezeigt hat. Ein erstes Testergebnis der im Spind der Krankenschwester an der Kinderklinik gefundenen Spritze mit Muttermilch hatte Spuren von Morphin ergeben.

LKA teilte Ulmer Staatsanwaltschaft falsches Zwischenergebnis mit

Anstatt aber weitere Kontrolluntersuchungen abzuwarten, hatte das LKA der Staatsanwaltschaft Ulm dieses „Zwischenergebnis“ mitgeteilt, wie Präsident Michelfelder sagte. Seine Behörde stand vor dem Dilemma, weitere zwei Tage zu testen, oder aber sofort zu warnen: „Wir mussten zum Schutz der Säuglinge schnell reagieren. Die rasche Information über das Zwischenergebnis war im Nachhinein ein Fehler.“

Untersuchungen in München brachten Klarheit

Ein Fehler deshalb, weil zwischenzeitlich Vergleichsmilch der betroffenen Mutter besorgt wurde und auch diese Spuren von Morphin aufwies, eine etwaige Drogenabhängigkeit der Mutter aber ausgeschlossen werden konnte. Das nährte offenbar die Notwendigkeit, weitere Untersuchungen anzustellen, die dann aber beim Landeskriminalamt in München vorgenommen wurden. Alle Proben wurden mit dem Hubschrauber in die bayerische Landeshauptstadt geflogen, wo sie erneut untersucht wurden. Ergebnis: Im Gegensatz zum Ergebnis in Stuttgart, wiesen die Münchner in keiner der Proben Spuren von Morphin nach.

Grund für Fehler: Morphium-Spuren im Lösungsmittel

Das war am Sonntagvormittag. Noch am gleichen Tag traf die Staatsanwaltschaft Ulm bereits Vorbereitungen, die junge Krankenschwester wieder aus der Haft zu entlassen. Als aus Stuttgart schließlich das Signal kam, dass ein im Labor verwendetes verunreinigtes Lösungsmittel die Morphiumspuren in die Muttermilch brachten, wurde die Frau freigelassen. Offenbar handelt es sich um ein milliardstel Gramm Morphium.

Ulm

Oberstaatsanwalt Christoph Lehr spricht Krankenschwester sein Bedauern aus

„Ich habe am Montag mit der Frau telefoniert und ihr mein Bedauern ausgesprochen“, sagte Oberstaatsanwalt Christof Lehr, der aus heutiger Sicht aber trotzdem wieder so handeln würde. Zum fraglichen Zeitpunkt ging es um Gefahrenabwehr. „Das tut mir wirklich sehr leid für die Frau. Wir hätten aber nicht anders handeln können.“

Wie kam die Spritze mit Muttermilch in den Spind der Krankenschwester?

Weiterhin stellt sich die Frage, wie die Spritze mit Muttermilch in den Spind der Krankenschwester kam. Lehr zufolge hat die Frau bei ihrer Vernehmung angegeben, dass sie die Spritze in der besagten Nacht zum Nachfüttern der Babys verwendet habe. Anschließend habe sie die Spritze in ihre Tasche getan und die Arbeitskleidung später wieder zurück in ihren Spind geräumt. Dabei habe sie vergessen, die noch in der Tasche befindliche Spritze herauszunehmen.

Vergiftete Frühchen: Ermittlungen müssen neu aufgerollt werden

Nach den jüngsten Ereignissen müssen die Ermittler im Grunde wieder ganz von vorne anfangen. An der Vergiftung mit Morphin bei den fünf Säuglingen gibt es keinen Zweifel und somit wird weiterhin wegen eines schwerwiegenden Tatverdachts ermittelt. Im Fokus steht nunmehr die gesamte Schicht (zwei Ärztinnen, vier Krankenschwestern) aus jener Nacht, in der das Morphin verabreicht worden sein muss.

Uniklinik Ulm: Sechs Angestellte sind vom Dienst freigestellt

Von der Universitätsklinik Ulm war im Laufe des Dienstags nicht viel zu erfahren. „Für uns hat sich erst einmal kein neuer Sachstand ergeben“, sagte die Pressesprecherin des Klinikums, Tanja Kotlorz. Sie bestätigte unterdessen, dass alle sechs Mitarbeiter der betroffenen Nachtschicht seit dem 28. Januar vom Dienst freigestellt worden sind.