Subkultur Freiraum in der Schillerstraße sucht Kreative

Das leerstehende Haus in der Schillerstraße.
Das leerstehende Haus in der Schillerstraße. © Foto: Lena Grundhuber
Ulm / Lena Grundhuber 07.04.2018

Ein offener Raum für Kultur und Begegnung sollte es werden, mit Platz für das ein oder andere soziale  Projekt und einem Biergarten in den Außenanlagen: Diesen Sommer hätte das leerstehende Gebäude in der Schillerstraße 44 als Zwischennutzungsprojekt zu neuem Leben erwachen sollen. Ein freistehendes, unrenoviertes Haus mit Blick auf die Bahngleise – recht viel mehr urbanes Flair geht in Ulm kaum.

 Doch vor den ersten Atemzügen scheint das Projekt schon gestorben zu sein. Am Osterwochenende haben Markus Kienle von der AG West und Karin Pfalzer, die die Schillerstraße 44 federführend umtreiben wollten, der Stadt abgesagt. Dabei hatten die beiden den Ort überhaupt erst entdeckt und die Sache ins Rollen gebracht, wie Kienle sagt. „Letztendlich war es eine persönliche Entscheidung“, erklärt er zu der Absage. Die „Mehrdimensionalität“ mit Kulturprogramm, gastronomischem Angebot und Gebäudemanagement sei für sie nicht zu stemmen. Die Verträge zwischen der AG West für Jugendhilfe und soziale Arbeit im Ulmer Westen, die das Ganze als Verein getragen hätte – Kienle ist dort Geschäftsführer – und der Sanierungstreuhand Ulm GmBH (SAN) waren noch nicht unterschrieben. „Deshalb war jetzt ein Punkt, an dem es noch umkehrbar war“, sagt Kienle.

Der Raum hätte bis zum Abriss immerhin drei Jahre lang mietfrei zur Verfügung gestanden, und er ist groß: Das Grundstück in der Schillerstraße hat nach Auskunft der Sanierungstreuhand fast 2000, das Hauptgebäude 430 Quadratmeter. Außerdem gibt es noch einen Schuppen von 165 und ein Lager von 190 Quadratmetern. Seit vor ein paar Jahren die Kulturfahrschule und das K-Werk rund um das Ehinger Tor geräumt wurden, gab es in Ulm kein Zwischennutzungsprojekt in dieser Größenordnung mehr. Denn freien Raum für alles Mögliche hätte die Schillerstraße reichlich geboten, unter anderem für die zweite Auflage des „Café Beirut“. Das Nahost-Kunstfestival war vor zwei Jahren einen Sommer lang in der Gideon-Bacher-Straße beheimatet und sollte ebenfalls in die Schillerstraße ziehen.

Ob daraus noch etwas wird, scheint jetzt jedoch zweifelhaft. Die Griesbadgaleristen Petra Schmitt und Martin Leibinger, die das Café Beirut im Frühsommer eröffnen wollen, reagierten überrumpelt auf Markus Kienles Absage: „Uns hat diese Nachricht am Osterwochenende absolut überraschend getroffen“, schreiben die beiden in einer kleinen Stellungnahme.

Damit sei ihr eigenes Projekt in Gefahr, aber auch ein von der Stadt geschaffener Freiraum. „Das wiederum wäre für die Kulturlandschaft und für die Stadt Ulm katastrophal, vor allem da solche Projekte dann auch in Zukunft schwerer zu realisieren sind.“ Deshalb liege ihnen daran, das Projekt doch noch zum Erfolg zu bringen, wofür sie schon einen Notfallplan erarbeitet hätten. Dazu allerdings bräuchten sie die Hilfe der Stadt.

 „Klar ist, dass nicht die Stadt als Träger einspringt und Hunderttausende investiert“, sagt Dirk Feil, der als Geschäftsführer der Sanierungstreuhand schon seit Oktober mit der Angelegenheit befasst und der Idee gegenüber grundsätzlich positiv eingestellt ist. „Besser als ein Parkplatz ist jegliche Nutzung“, sagt er – die Absage der AG West bedeute also nicht, dass die ganze Sache automatisch gestorben ist.

Charme und Risiko

So ähnlich äußert sich auch Kulturbürgermeisterin Iris Mann auf Nachfrage. Sie finde Zwischennutzungsprojekte als kreative Experimentierfelder „kulturpolitisch wichtig“. Nur muss sie halt jemand machen. Dergleichen zu organisieren, liege aber nicht im Verantwortungsbereich einer Stadtverwaltung, meint Iris Mann, man sei Vorschlägen gegenüber aber aufgeschlossen. Wer mehr Subkultur will, heißt das im Subtext, der muss sie auch selber machen.

Wie es jetzt weitergeht, bleibt abzuwarten, bis Baubürgermeister Tim von Winning aus dem Urlaub zurückgekehrt ist. Aus der Sicht der Stadt besteht ja kein Zwang zur Eile, was die Kulturbürgermeisterin in den gelassenen Kommentar verpackt: „Das Haus steht ja schon lang. Da wird sich irgendwas finden. Oder auch nicht.“