Ja, man muss sich die Zeit nehmen und mit ein paar Schritten diese faszinierende städtische Raumsituation erkunden: steinbruchartige Postmoderne, eine kunstvolle Transitivität in den city-nahen Sedelhöfen hin zur unmittelbaren Nachkriegsrealität. Ein Ereignis. Ein international viel beachteter Dreiklang der Architektur: "Mehr Stadt. Mehr Zukunft. Mehr Ulm."

Tatsächlich gehörte Ulm städtebaulich immer zur Avantgarde in Deutschland. In die kriegszerbombte Stadt schlug die Wirtschaftswunder-Generation der 50er Jahre autogerechte Schneisen - nur durch Kassel oder Stuttgart fuhr (und fährt!) man bequemer. Dann folgte die Rekultivierung der Stadt unter Oberhauptbaumeister Alexander Wetzig: die Neue Mitte, aufgefüllt nicht zuletzt mit großen Würfen des Star-Architekten Stephan Braunfels.

Der dritte innovative Schritt ist Wetzigs Vermächtnis: der innerstädtische Retro-Chic, der gleichzeitig für äußerstes Geschichtsbewusstsein steht - die kommunale Wüste. In einer gedächtnislosen Zeit, in der entweder das radikal Funktionale oder das pseudomodisch Gefällige beliebig hingeklotzt werden, sollen Brachen wieder an eine Vergangenheit erinnern und die präsente Trümmer-Kulisse uns zum jederzeitigen Neuanfang motivieren.

Wetzigs Masterplan vor dem Hintergrund einer Bewerbung Ulms als Europäische Kulturhauptstadt ist aufgegangen. Das Sedelhofareal, zentral gelegen, besitzt diese Freilichtmuseums-Situation: sichtbare Zerstörungs- und Abrissszenarien, Kahlflächigkeit, betont plakative Verwahrlosung. Die Ulmer, man muss es bewundernd sagen, nehmen mit dem "Geschichtspark Sedelhöfe" hier eine europaweite Vorbildfunktion ein.

"Architektur ist das kunstvolle, korrekte und großartige Spiel der unter dem Licht versammelten Baukörper", sagte einst die Legende Le Corbusier. Das ist vorbei. Richard Meier, Erbauer des Ulmer Stadthauses, entwickelte diese These längst weiter: Man lerne zwar aus den Wurzeln der modernen Architektur, "und doch streben wir heute nach einer Einfachheit und Klarheit, die meiner Ansicht nach bezeichnend ist für unsere Zeit". Die reinste Konsequenz der Einfachheit aber ist das Nichts, wie das Ulmer Beispiel zeigt. Nur dass die Ulmer dieses Nichts aufladen mit der bedenkenswerten Aura des Verfalls und nicht nur für die Touristen als Attraktion umzäunen.

Das Wiener Architektenbüro Coop Himme(l)bau, das zuletzt auch die spektakuläre EZB-Zentrale in Frankfurt entwarf, machte in seiner Frühphase Schlagzeilen mit Sponti-Thesen. Zu den großen Postulaten gehörte die Schrift "Funktionsweise unseres Gehirns als Vorbild für die Stadt der Zukunft". Eine Erkenntnis daraus ist nun in Ulm, der Stadt des großen Hirnforschers Manfred Spitzer, adäquat verwirklicht worden: "Das Gehirn versucht, an Probleme nicht immer nur hierarchisch oder demokratisch heranzugehen, sondern es verwirklicht jeweils unterschiedliche Verfahren, um die beste Lösung zu finden. Anders formuliert: es ist flexibel."

Man kann aber auch sagen: Der "Geschichtspark Sedelhöfe" ist absolut durchdacht ausgeführt worden in seiner Stringenz des schlichten Abbildens einer chaotischen Wirklichkeit.

Mit dem rein Theoretischen aber geben sich Wetzigs Sedelhöfe nicht zufrieden. Zuschauermagnet ist die ökumenische Turmverschmelzung. Was ist nicht alles über den Plan debattiert worden, den Turm der katholischen Wengenkirche zu erhöhen. Solcher Größenwahn scheiterte zwar an der Kostenfrage, aber auch in dem Fall führte die Debatte am Ende zu Ulmer Pragmatismus.

Die schlichte wie überzeugende Idee: Wer den Wengenturm nicht aufstocken will auf Münsterturm-Niveau, legt den Turm der katholischen Wengenkirche einfach frei! Eine Stadt, die den welthöchsten Kirchturm mit einem millionenteuren Kulturspektakel feiert, zieht ja auch nicht Konkurrenz hoch und verbaut sich den Weitblick. So ist die Sicht auf den Wengenturm vom Hauptbahnhof aus unverstellt - ja, weil vom Münster nur der Haupt- und ein Chorturm zu sehen sind, ergänzt der Wengenturm dieses Ensemble zur glaubensstarken ökumenischen Trias!

Gratulation also zum "Geschichtspark Sedelhöfe", dessen Info-Stand in der Bahnhofsunterführung zu finden ist (leider liegt noch kein Ausstellungskatalog vor). Der Blick ist kostenlos. Noch wird zwar diskutiert, ob künftig der Geschichtspark frei bespielt werden sollte als Selbsterfahrungsgelände. Aber gerade die betont hässliche Umzäunung im Kontrast mit der ironisch-provokativen Projektwerbung für ein natürlich nicht ernst gemeintes City-Einkaufszentrum dokumentiert den musealen Kulturcharakter dieser Architektur-Novität.

Sommerserie

"Alles Kultur!" Das ist keine Behauptung und auch keine Drohung, so heißt unsere Sommerserie in diesem Jahr: Ein kulturelles Sommerloch? Nicht in Ulm. Jedenfalls nicht am Hauptbahnhof, wo sich wahre Dramen abspielen beim Warten auf den verspäteten Zug. Nicht auf dem Fußballplatz, wo der gefoulte Stürmer im Strafraum den sterbenden Schwan mimt. Und die aufgerissenen Straßen, die abgesperrten Baustellen in der Stadt? Die reinste Kunst-Installation. Alles ist nur eine Frage des Blickwinkels, der Perspektive. Dann ist alles Kultur. Natürlich ist das auch eine satirische Serie und eine selbstironische der Kulturschreiber. Heutige Folge: eine etwas zugespitzte Architektur-Kritik zum Thema "Freiheit für den Wengenturm, nieder mit den Sedelhöfen!"