Laut, belebt und ganz schön vielseitig: Die Frauenstraße kennt vermutlich jeder Ulmer. In der knapp 1,5 Kilometer lange Einkaufsmeile in der Innenstadt gibt es zahlreiche Kneipen, Restaurants und Geschäfte. Dabei übersehen viele den ein oder anderen Schatz, der sich hinter den Türen verbirgt: Läden, die es so wahrscheinlich kein zweites Mal gibt.

Wir haben eine kleine Tour durch die wohl bunteste Straße in Ulm gemacht und Ladenbesitzer besucht. Ob Comicladen, „Body Modifications Store“ oder ein Geschäft für alternative Heilmethoden – willkommen im Mikrokosmos Frauenstraße.

Soundcircus: Ulmer Plattenparadies

Martin Maag vom Plattenladen „Sound Circus“
© Foto: Katrin Stahl

„Aus diesem Geschäft geht jeder glücklich raus“, sagt Martin Maag. Der Betreiber des „Sound Circus“ hat im vergangenen Jahr Jubiläum gefeiert. Mehr als 30 Jahre existiert der mittlerweile letzte Plattenladen der Stadt bereits. „Früher war das hier so ein richtiger Indie-Laden“, erzählt Maag, „jetzt kommen aber alle möglichen Leute zu uns. Sie alle vereint die Liebe zur Sache.“ Aus den Lautsprechern kommt laute Musik. An den Kopfhörern in der Ecke gibt es Gelegenheit zum Probehören. Beratung vom Inhaber gibt es obendrauf: „Wenn es um Musik geht, bin ich immer ehrlich.“ In den vollgestopften Ablagen und Regalen sind sämtliche Genres vertreten. Von Hip-Hop über Rock bis hin zum Jazz: Maag schätzt, dass er über 10.000 Vinylscheiben besitzt. Neu und gebraucht, versteht sich: „Sonst ist es doch kein richtiger Plattenladen.“

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Comic Home: Für Manga-Fans und Nostalgiker

Thomas Treutler von „Comic Home“
© Foto: Katrin Stahl

Anfang des Jahres hat Thomas Treutler Comic Home in der Frauenstraße eröffnet. „Es läuft sehr gut, ich bin wirklich zufrieden“, sagt der 48-Jährige. Besonders im Trend liegen zurzeit Mangas. Im Angebot hat Treutler aber natürlich auch Graphic Novels sowie Klassiker von Asterix und Obelix über Disney bis hin zu Marvel und DC. Durch die vielen Neuverfilmungen sei so manch vergessener Comic wieder bekannt geworden. Dennoch: „Filme und Comics – das sind zwei Welten.“ Die unterschiedlichsten Menschen, so Treutler, würden den Weg in seinen Laden finden „Vom Schüler bis zum Hartz-IV-Empfänger, von sechs bis 80 Jahre“, so beschreibt Treutler seine Kundschaft lachend. Einige würden nur ein paar Minuten bleiben, andere sogar einen ganzen Tag: „Mir ist wichtig, dass sich hier alle wohlfühlen.“

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Tattoo & Piercing-Point: Kunst, die unter die Haut geht

Lisa Franke vom „Tattoo & Piercing-Point“
© Foto: Katrin Stahl

Ob Silikon-Implantat oder eine gespaltene Zunge – wer es exotisch mag, trifft sich im „Tattoo & Piercing Point“. Seit neun Jahren gibt es den Laden in der Frauenstraße. Die Kundschaft? „Die Menschen, die zu uns kommen, sind schon spezielle Charaktere“, erzählt Mitarbeiterin Lisa Franke – und muss gleich ein paar Begriffe von der großen Tafel im Eingangsbereich erklären. Ein Genital Bead etwa sei eine Körpermodifikation, bei der kleine Perlen unter die Haut der Genitalien eingesetzt werden. Nicht für schwache Nerven ... Franke pierct selber, ihr Mann tätowiert. In beiden Fällen gilt: Hygiene und eine gute Beratung sind entscheidend. „Wir schauen uns an, was überhaupt geht.“ Besonders beliebt ist aktuell der so genannte Conch – ein spezielles Piercing durch die Ohrmuschel.

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Duft & Wärme: Schätze aus fernen Ländern

Olaf Reichardt von „Duft und Wärme“
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Ätherische Öle, Heil- und Edelsteine, Klangspiele und Meditations-CDs: Das und noch mehr gibt es bei „Duft und Wärme“. Chef Olaf Reichardt bietet in seinem Laden für alternative Heilmethoden Produkte aus den verschiedensten Kulturkreisen an. Besonders im Trend: Materialien für energetisches Bauen. Früher wären manche Kunden noch etwas verschämt in seinen Laden gekommen, erzählt der 68-Jährige. Aber: „Die Menschen entwickeln sich.“ Zum Thema hat er selbst vor mehr als 30 Jahren gefunden. „Meine Tochter war krank und hat vom Kinderarzt Antibiotika verschrieben bekommen. Als ich gesehen habe, was alles in den Medikamenten drin steckt, habe ich mir gedacht: Nie wieder zum Arzt!“ Ob alternative Heilmethoden nur funktionieren, wenn man an ihre Wirkung glaubt? Nein, findet Reichardt: „Manche Leute kommen ganz erstaunt zurück ins Geschäft und sagen: Das hat ja wirklich geklappt.“

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Daily Blue: Denim für waschechte Kerle

Norbert Leipold vom „Daily Blue“
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„Das hier ist ein Männerladen“, sagt Norbert Leipold, „ein Männerladen und ein Laden für Freaks.“ Seit 1976 betreibt der geborene Münchner das „Daily Blue“ in der Frauenstraße. Diesel, G-Star, Replay: In den Regalen stapeln sich Jeans, Boots, Gürtel, Hosenträger und mehr. Seine Kunden, so Leipold, wollen beraten werden. Und das macht er gerne. „Bei uns kann man sich voll einkleiden.“ An Weihnachten schickt er immer Karten an seine Stammkunden. 300 sind es mittlerweile. „Die Leute mögen den Charme hier“, sagt er und zeigt auf seine alte mechanische Kasse an der Theke.“ Die Frauenstraße sei früher lebhafter gewesen. Viele Läden seien verschwunden, mussten Ketten oder Schnellrestaurants Platz machen. Doch Leipold kommt mit allen Nachbarn gut klar und weiß: „Ich bleibe hier.“

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Warhammer: Heimat der Spiele-Nerds

Denis Kuziel von „Warhammer“
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Wenn aus einem Plastik-Bausatz eine Megaschlacht wird, dann befindet man sich mitten in der Welt der Tabletop-Spieler. Freunde des Strategiespielsystems treffen sich im „Warhammer“ in der Frauenstraße. „Wir sind nicht nur ein Geschäft, sondern auch ein Hobbyzentrum“, sagt Denis Kuziel. Der 23-Jährige hat gerade eine Miniaturfigur fertig zusammengesetzt und mit Acrylfarbe bemalt. Die kleinen Krieger, die von der britischen Firma „Games Workshop“ hergestellt werden, kommen später auf der großen Spielplatte in der Mitte des Raumes zum Einsatz. „Unsere Kämpfe finden in zwei Universen statt“, erklärt Kuziel, „Warhammer 40.000 spielt in einer dystopischen Zukunft, Age of Sigmar erinnert mehr an Herr der Ringe“. Für jedes Spiel gibt es ein genaues Regelwerk. Man braucht Kampfgeist – und Ausdauer. „Manche Megaschlachten können auch mal ein Wochenende dauern“, so Kuziel.

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Michele: Kleine Insel fürs „Dolce Vita“

Café-Besitzer Michele Napolitano
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„Ciao Bella“, ruft Michele Napolitano einer Kundin zu – und macht sich direkt an den nächsten Espresso. Dampf kommt aus der Maschine, die Tassen klirren. „Das hier ist eine Welt für sich“, sagt der Italiener, „jeder trifft sich hier.“ Abends werden im Laden Popcorn und Tickets für das angrenzende Kino verkauft, tagsüber wandern heiße Getränke über die Theke des Cafés. Michele, der vor 30 Jahren aus der Nähe von Neapel nach Ulm kam, betreibt die Tagesbar in der Frauenstraße seit acht Jahren. „Viele haben anfangs nicht geglaubt, dass ich das schaffe“, erzählt er, „aber mittlerweile ist dieser Laden eine Institution.“ Dann kommt auch schon der nächste Kunde und der Italiener muss wieder an die Arbeit. Übrigens: „Die Ulmer mögen Espresso und Cappuccino am liebsten.“

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Dieser Artikel ist in Kooperation mit cityStories Ulm entstanden.

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