Wir wollen mitgestalten und mitbestimmen – auf Augenhöhe.“ Deshalb stehen jetzt deutschlandweit Frauen in der katholischen Kirche auf und fordern eine „echte Erneuerung“. Die Initiative steht unter dem Motto 2.0 und ist auch in der Region angekommen. „Wir in Ulm treten aber nicht in einen Kirchenstreik, denn wir wollen die Leute nicht vergrätzen“, erklärt Gabi Hannig von St. Georg. Die dortige Frauengruppe gestaltet stattdessen am Samstag, 11. Mai, um 19 Uhr einen Gottesdienst in der Georgskirche, der die Forderung nach einer Gleichberechtigung von Frauen in der Kirche deutlich thematisiert. „Uns geht es um die Wahrnehmung der Frau auf Augenhöhe“, so Hannig.

„Frauen und Männer sind durch die Taufe gleich- und vollwertige Mitglieder der Kirche. Im Miteinander in allen Diensten und Ämtern können sie zu einer Kirche beitragen, die erneuert in die Zukunft geht.“ So haben es Hannig und ihre Mitstreiterinnen in ihrem Flugblatt formuliert.

Status quo ist, dass viele Frauen in Ehrenämtern der katholischen Kirche tätig sind, sie aber wenig Mitspracherecht haben. Außerdem sind sie von geweihten Ämtern – Diakon, Priester, Bischof – ausgeschlossen. „Ich bin der Überzeugung, dass es auch Frauen gibt, die eine Berufung haben. Es tut mir leid, dass es ihnen verwehrt ist, diese zu leben“, sagt die 60-jährige Ulmerin. Auf sie selbst treffe das aber nicht zu. Gabi Hannig ist verheiratet, hat zwei erwachsene Kinder und unterrichtet Religion am Berufsschulzentrum Biberach.

Der Unmut und die Frustration der Frauen haben sich über viele Jahre aufgebaut. „Es hat sich zwar seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil viel getan in Puncto Laien, aber eben nicht alles.“ Außer der Ausgrenzung nennt Hannig noch weitere Themen, die die Frauen kritisieren: das Vertuschen der Missbrauchsfälle, die rigide Sexualmoral, der Zwangszölibat. „Da muss noch viel passieren.“

Durch den Aufruf aus Münster (siehe Info-Kasten) ist an der Basis jetzt „Rückenwind zu spüren. Endlich ist zu merken, dass man nicht allein ist“, beschreibt Gabi Hannig die aktuelle Situation. „Deshalb haben wir uns gesagt: Es ist Zeit, etwas zu tun.“

Die Reaktionen darauf sind zweischneidig: Positive Rückmeldung gab es insbesondere von älteren Frauen, die selbst die Aufbruchstimmung des Zweiten Vatikanums erlebt haben. Andererseits gibt es kritische Stimmen – auch von Frauen, „die keine Veranlassung sehen für eine Erneuerung des Frauenbilds in unserer Kirche, ebenso wenig den Zusammenhang mit einem erneuerten Marienbild“, berichtet Hannig.

„Ich würde mir wünschen, dass die Skeptikerinnen und Skeptiker die Fragen nach der Zukunft nicht mit Antworten aus der Vergangenheit abtun, sondern das sehen, was jetzt notwendig ist. Für mich besteht kein Grund, die vielfältigen Möglichkeiten, die sich der Kirche durch die Weihe von Frauen in den Bereichen Glaubensverkündigung, Seelsorge, Liturgie und Diakonie bieten, als ,nicht gottgefällig’ zu ignorieren“, sagt die Religionslehrerin.

Die Frauen von St. Georg wollen explizit „keinen Konfrontationskurs fahren“, deshalb wollen sie keinen Kirchenstreik. Dekan Ulrich Kloos begrüßt diese Entscheidung: „Ich bin offen für das Anliegen der Frauen, da kann ich gut mit. Aber ein Streik ist dafür nicht die richtige Form.“

Alle Frauen, die am Samstagabend in die Georgskirche kommen, sind aufgerufen, einen weißen Schal zu tragen, um „ein sichtbares Zeichen zu setzen“, so heißt es in der Einladung. Außerdem gibt es Buttons zum Anheften mit dem Motto „Maria 2.0 – Auf Augenhöhe in unserer Kirche“. Im Gottesdienst, den Pfarrer Michael Estler mit ihnen feiert,  werden die Frauen ihre Anliegen in Gebeten und Texten zum Ausdruck bringen. Anstelle einer Predigt gibt es ein Gespräch von Frauen über ihre Erfahrungen in der Kirche.

Keine einmalige Aktion

Nach dem Gottesdienst sind alle eingeladen zu einem Treffen im katholische Gemeindehaus. Hannig: „Dort wollen wir überlegen, wie wir das Thema fortführen können.“ Denn es soll keine einmalige Aktion bleiben.

In Ulm beteiligen sich auch die Frauen von St. Klara und Allerheiligen Lehr an der Aktionswoche: Sie planen einen Flashmob am Samstag, 18. Mai, um 17.30 Uhr vor dem Ulmer Münster. Sie wollen ebenfalls weiße Schals tragen, sich aber als provokativeres Zeichen des Protests gegen die Ausgrenzung ihre Münder mit Pflastern zukleben.

In Neu-Ulm sind bislang keine Aktionen bekannt. In Thalfingen haben Frauen am 27. April einen „Auf Augenhöhe“-Gottesdienst gestaltet (wir berichteten).

Bundesweite Aktionswoche vom 11. bis 18. Mai


Ursprung Nicht klagen, sondern etwas tun: In der katholischen Gemeinde Heilig Kreuz im westfälischen Münster ist im Februar angesichts der Missbrauchsfälle und der andauernden Ausgrenzung von Frauen die Idee entstanden, auf aktive Weise für eine Erneuerung der kirchlichen Strukturen zu kämpfen. Denn bislang wird Reformbereitschaft zwar stets beteuert, aber in den von Männern geprägten Machtstrukturen ändert sich nichts. So lautet der Aufruf unter dem Motto „Maria 2.0“:
Frauen treten eine Woche lang, vom 11. bis 18. Mai, in Kirchenstreik und lassen ihre Dienste ruhen.