Frau mit Widerstandspotenzial

RUDI KÜBLER 12.03.2013

Fürs Foto aufs Sofa? Die Idee ist ja nett, das Möbelstück gibt auch optisch einiges her. Aber im Ernst: Dass Carmen Stadelhofer ruhig auf dem Sofa sitzt - man kann sichs nicht so richtig vorstellen. Sie, die immer auf dem Sprung ist. Sie, die immer unter Dampf steht. Sie, die nie zur Ruhe zu kommen scheint. "Ich auf dem Sofa, das nimmt mir niemand ab." Selbst jetzt nicht, da die 65-Jährige in den Ruhestand geht. Eigentlich ist die Geschäftsführerin des Zentrums für allgemeine wissenschaftliche Weiterbildung (Zawiw) an der Uni Ulm ja schon im Ruhestand, genau seit dem 1. Januar, aber mit dem Ruhestand verhält es sich wie mit dem Sofa: Das passt nicht zusammen mit der kleinen, drahtigen Frau - dem Quirl auf zwei Beinen.

Dennoch, das Land kennt kein Pardon, die Universität Ulm auch nicht. 65 ist nun mal 65. Über zwei Jahrzehnte hat sich Carmen Stadelhofer mit "Lernen im dritten Lebensalter" beschäftigt, das war ihr Thema. Sie hat die Akademiewochen für Senioren aus dem Boden gestampft, das Zawiw gegründet, zahllose Projekte von Jung und Alt auf den Weg gebracht und Senioren entlang der Donau vernetzt. Und jetzt muss die Expertin für lebenslanges Lernen selber lernen, wie das ist im dritten Lebensalter. Wenn die Verdienste keine Rolle spielen und frau ein Auslaufmodell ist. Dabei hätte sie noch genügend Energie, "das Glas ist halbvoll, nicht halbleer". Diesen Spruch der Mutter hat sie verinnerlicht, sie sieht das Positive. Das hat ihr über so manches hinweggeholfen - auch über Kränkungen, die sie erfahren hat.

Carmen Stadelhofer und das Zawiw. Ihr Zawiw? Nein, sagt sie mit allem Nachdruck. "Das war keine One-Woman-Show. Das Zawiw wird von vielen getragen." Nach außen freilich galt sie als der Kopf, als das Gesicht; wer beispielsweise das Zawiw googelt, erhält die Verbindung: zawiw ulm carmen stadelhofer. Ohne die gebürtige Frankfurterin, die in Mannheim aufgewachsen ist, genösse das Zawiw längst nicht den Ruf: als erfolgreiches Modell für wissenschaftliche Weiterbildung für Menschen im dritten Lebensalter. Während andere Universitäten immer auf der beruflichen Weiterbildung basieren, hat Carmen Stadelhofer das Zawiw an der Uni Ulm ohne dieses Standbein etabliert - auch über Widerstände hinweg, an denen sie stets zu wachsen scheint. Später im Gespräch wird sie einmal über sich sagen, sie sei mit einem gewissen Widerstandspotenzial ausgestattet. Eine Einschätzung, die wohl viele, die mit ihr zu tun hatten in den vergangenen 30 Jahren, sofort unterschreiben. Denn: Die Frau gibt so schnell nicht auf, lässt sich nicht unterkriegen. Im Gegenteil. Sie ist äußerst hartnäckig, zäh und kämpferisch, bisweilen gibt sie auch die Nervensäge. Mit Erfolg freilich. "Wenn ich von etwas überzeugt bin, gibt mir das Kraft und Stärke." Widerstände zu überwinden, hat Carmen Stadelhofer früh gelernt; ihr älterer Bruder - sie hat drei Geschwister - war stets eine Art Herausforderung, "an ihm konnte ich üben".

Den damaligen Uni-Kanzler Dietrich Eberhardt habe sie 1992 umgerechnet rund 2500 Euro "abgequatscht". Sie bildeten die Grundlage der Akademiewochen für Senioren, ein Experiment, ungleich schwieriger zu realisieren als an anderen Unis, wo Geistes- und Sozialwissenschaftler zu Hause sind und ältere Semester mit interessanten Vorträgen locken: mit Philosophie und Theologie, mit Geschichte und Politik. "Die öffnen einfach ihre Veranstaltungen für Senioren." Naturwissenschaften und Technik so aufzubereiten, dass auch Laien etwas verstehen - das war ein Ziel. Das zweite: Die Senioren sollten sich nicht nur reinsetzen und zuhören, sie sollten selber aktiv werden. Auf diese Art könnte es gelingen, so war sie überzeugt, "eine Brücke zwischen Wissenschaft und Gesellschaft, eine Brücke zwischen Uni und Bürger zu schlagen."

Mit 50 Senioren für die erste Akademiewoche rechnete sie, nein, um genau zu sein: Sie hoffte auf 50, "um nicht ganz blöd dazustehen". Es kamen: 120. Und die wollten eine zweite Akademiewoche. Carmen Stadelhofer bequatschte wieder den Kanzler, bekam wieder ein bisschen Geld und . . . Den Rest kennt man, die Akademiewochen entwickelten sich zum Renner sondergleichen. 1000 und mehr ältere Semester nahmen in manchen Jahren daran teil - aus weitem Umkreis kamen sie auf den Oberen Eselsberg angereist. Freilich, Carmen Stadelhofer bohrte viele dicke Bretter, nicht nur bei den Professoren, die handverlesen waren. Weil viele sich zunächst zierten, in diesem Rahmen Vorträge zu halten. Auch die Uni-Leitung reagierte jahrelang zurückhaltend bis ablehnend - auch später noch, als das Zawiw 1994 längst gegründet war und außerhalb Anerkennung gefunden hatte.

Dass ihr diese Missachtung zusetzte, das zeigen die Untertöne. Von Anfang an - sie kam 1981 als Lehrbeauftragte an die Uni - hatte die Geisteswissenschaftlerin einen schweren Stand. Pädagogik für Lehrämtler? Alles werde an der Uni gebraucht, mit Ausnahme des Seminars für Pädagogik. Das sei ihr damals signalisiert worden. Sie engagierte sich im Studium Generale, entwickelte ("wenn die Uni das nicht will, dann anderswo") ein Konzept für die Frauenakademie der Ulmer Volkshochschule. Als "passionierte Aktionsforscherin" müsse sie im "Feld" arbeiten, mit Menschen zusammen. Sie sollen einbezogen werden in das jeweilige Konzept, sie sollen sich wiederfinden, sagt sie, die allein schon dadurch, dass sie den Mund aufmachte, aneckte.

Wer sie so reden hört, der ahnt schon: So richtig glatt ging es selten voran, Carmen Stadelhofer kämpfte viel, "ich hatte nie jemanden, der mich protegierte", sagt die Akademische Direktorin, die bei Stiftungen und der Industrie vorstellig wurde. Alles, um das Zawiw, ihr "geistiges Kind", finanziell auszustatten und die vielen Projekte voranzutreiben. Denn: "Die Akademiewochen sind ein wichtiger Teil, aber nicht alles."

Woher Carmen Stadelhofer all die Power nimmt? Ihre Kraftquelle ist Sardinien, dort hat sie zusammen mit ihrem Mann ein kleines Häuschen. Mit Zitrusbäumen. Mit Olivenbäumen. "Hier in Ulm bin ich immer auf Trab. Dort auf Sardinien herrscht ein vollkommen anderer Zeittakt." Und dann spricht sie davon, dass manches eben viel zu kurz kam wegen ihres Berufs. Eines Berufs, in den sie "viel Lebenszeit" eingebracht, der ihr aber immer Spaß gemacht hat. "Weil meine Arbeit gesellschaftlich-politische Arbeit war." Was heißt: war? Sie ist es immer noch. Gerade war sie in Serbien, demnächst fliegt sie nach Bulgarien und Ungarn, um Seniorenprojekte zu betreuen.

Auf dem Sofa wollte sie nicht Platz nehmen - und am Ofen saß sie nur kurze Zeit. Dann steht Carmen Stadelhofer im Raum, erzählt, läuft herum, holt dies und das und fuchtelt mit den Armen. Das ist dann auch das Foto.

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