Als Martin Heßling vor zwölf Jahren als Professor für Gerätetechnik in Bio- und Medizintechnik an der Hochschule Ulm anfing, war an Forschung gar nicht zu denken. „Das war vollkommen unrealistisch. Als Forscher denkt man an die Zukunft“, sagt der heute 49-Jährige. Der Hochschul-Neuling hatte damals genug mit der Gegenwart zu kämpfen. Er hangelte sich durch die Vorlesungen von Tag zu Tag beziehungsweise von Nacht zu Nacht. Denn: Manche der Themen, die er morgens im Hörsaal zum Besten gab, hatte er in den Stunden zuvor erst durchgearbeitet und aufbereitet. Und weil es sich dann nicht mehr gelohnt hätte heimzufahren, übernachtete Heßling gleich im Büro.

Das war früher. Wenn heute das Licht in Heßlings Büro an der Albert-Einstein-Allee bis in die frühen Morgenstunden brennt, dann nicht wegen der Vorlesungen. Die sind schon längst kein Problem mehr. Vielmehr braucht der promovierte Physiker die nächtliche Ruhe, um an Publikationen zu arbeiten. Publikationen zu Forschungsprojekten, die mehr und mehr geworden sind. Drei Jahre hatte er sich um Projekte bemüht und Anträge geschrieben. Erfolglos. „Da gehen oft Wochen drauf. Irgendwie hat’s dann aber plötzlich den Schalter umgelegt“, sagt Heßling, der jüngst erst mit seiner Doktorandin Katharina Hönes den zweiten Platz beim Artur-Fischer-Erfinderpreis einheimste. Und zwar für ein Projekt, das alle Kontaktlinsenträger erfreuen könnte, so sich ein Unternehmen findet, das die Idee aufgreift und auf den Markt bringt.

Schonend und kostengünstig

Dabei geht es um Desinfektion mit UV-C-Licht, so genanntem violetten Licht, das Keime auf Kontaktlinsen abtötet. Der Vorteil dieser Art der Reinigung liegt klar auf der Hand: Wer seine Linsen in aggressive chemische Lösungen legt, um Bakterien und Pilze zu eliminieren, hat oft das Problem, dass Reste der Lösung ins Auge kommen. Und wer zu milde Lösungen verwendet, handelt sich ein Problem mit Keimen ein. „10 000 solcher Infektionen werden jährlich in Deutschland diagnostiziert.“ Die kleine gelbe Box aus dem Hause Heßling, in der die Linsen bestrahlt werden, ist eine schonende und kostengünstige Methode der Reinigung. Ob sie sich durchsetzt?

Zum anderen forscht Heßlings Team zur Desinfektion bei Legionellenbefall, „ein Thema, das uns ja auch hier beschäftigt“. Beispiel: Donaucenter. Legionellen sind ein lichtscheues Gesindel, sie reagieren empfindlich auf sichtbares Licht. Das nützen die Forscher aus und bestrahlen die Bakterien mit UV-C-Licht. Das Licht wird von der Bakterie absorbiert und produziert Radikale, die wiederum die Zellstruktur der Legionellen zerstören. Wasserleitungen zu bestrahlen ist freilich nicht möglich, „aber man könnte kleinste LED-Lampen in Duschköpfe einbauen“, sagt Heßling. Eine Bestrahlung von sechs Millisekunden reiche aus, um 90 Prozent der Bakterien abzutöten.

Interessante Nischen an der Schnittstelle zwischen Biologie, Medizin und Technik zu besetzen, hat sich Heßling als Ziel gesetzt. „Als Hochschule haben wir nicht die Möglichkeiten einer Uni, aber wir haben das technische Know-how“, so der Physiker, der sich die entsprechenden Partner für die Forschungsprojekte am Uni-Klinikum oder im Science Park sucht. Und dort auch findet. Beispielsweise für LED-Lampen für Augen-Operationen oder bei der Produktion von Knorpelzellen für Ohren und Nase. „Letzteres ist langwierig, es geht schleppend voran.“

Dass er sich über den Wissenschaftspreis der Stadt Ulm freut, versteht sich von selbst. „Für mich ist das der Ulmer Nobelpreis.“ 7500 Euro ist er wert, das ist schon mal nicht schlecht. Und er gilt quasi als Nachweis für Zuhause. „Meine Frau wundert sich immer, was ich abends an der Hochschule mache.“

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