Birgit Liss (46) erfüllt nicht unbedingt das Klischee einer Grundlagenforscherin aus dem Bereich der Biochemie. Sie ist quirlig, ein Energiebündel – was vielleicht auch daran liegt, dass bei ihr immer alles ein bisschen schneller ging. Mit 28 Promotion summa cum laude, mit 35 Professorin, kurz darauf mit dem mit einer Million Euro dotierten Alfried-Krupp-Preises für junge Hochschullehrer geadelt. 2002 wurde die gebürtige Flensburgerin vom Burda-Verlag als „Frau des Jahres“ ausgezeichnet. Seit 2010 leitet Liss das Institut für Angewandte Physiologie der Universität Ulm.

Stellen Sie sich vor, Sie müssten sich auf einer Glücklichkeits-Skala von eins bis zehn einstufen.

Birgit Liss: Nö, da stufe ich mich nicht ein.

Glück ist keine Kategorie für Sie?

Glück ist ein Moment – und nicht zu verwechseln mit Lebenszufriedenheit. Kaum da, ist es wieder verrauscht. Zumindest das Glücksgefühl, das von Dopamin vermittelt wird, jenem Botenstoff, wegen dem Sie, denke ich, mit mir sprechen wollen.

Als Sie frisch an die Uni Ulm kamen, sagten Sie, Sie lebten für Ihre Arbeit als Forscherin, darüber hinaus bräuchten Sie nicht viel. Gehen Sie immer noch voll und ganz in  Ihrem Beruf auf?

Ja. Das heißt natürlich nicht, dass ich kein Privatleben habe. Aber ein Hobby im klassischen Sinn brauche ich wirklich nicht.

Sind Ihre Mitarbeiter glücklich mit Ihnen?

(lacht) Ich  weiß nicht, ob ich für mich arbeiten wollen würde (überlegt) . . .  aber ich  glaube  schon.  Von den Mitarbeitern, die mit mir hier in Ulm angefangen haben,  sind noch viele da, einige sind auch wieder zurückgekommen, nachdem sie zwischendurch woanders waren. Das könnte doch dafür sprechen, dass sie ganz gerne mit mir arbeiten.

Sie hatten in den vergangenen Jahren diverse Rufe an andere Universitäten . . .

. . . und habe mich dazu entschlossen, in Ulm zu bleiben. Ich habe mir hier ein tolles Team aufgebaut, die Uni hat mir ein schönes Bleibeangebot gemacht. Es war aber auch ein Stück weit eine Bauchentscheidung.

Sie forschen über das Glückshormon Dopamin. Wie wirkt es?

Auf vielfältige Weise. Ein Dopaminmangel im Bewegungszentrum des Gehirns führt zum Beispiel zur Parkinson-Krankheit. Im limbischen System, dem Belohnungs- und Gefühlszentrum des Gehirns,  ist Dopamin für gute Gefühle – auch Glücksgefühle zuständig. Ähnlich wirken auch viele Drogen. Allerdings kann zu viel Dopamin hier zu Psychosen führen. Im Vorderhirn, unserer Denkzentrale, ist Dopamin wichtig für unser Konzentrationsvermögen.

Kann man anhand des individuellen Dopaminspiegels messen, wie glücklich ein Mensch ist?

Man kann Glück so wenig exakt messen wie Schmerz, weil Glücks- und Schmerzempfinden bei jedem Menschen subjektiv sind.

Ist bei jedem Menschen  gleich viel Dopamin vorhanden?

Dopamin wird ständig neu ausgeschüttet und auch schnell wieder abgebaut. Die Wirkung hält daher nur kurz an. Mit den Dopaminlevels ist das  eine interessante Sache: Sie, beziehungsweise die Dopaminwirkung scheinen wirklich nicht bei jedem Menschen gleich zu sein. Es gibt Studien, die darauf hinweisen, dass Menschen mit einem reduzierten Dopaminsystem suchtanfälliger sind. Aber das Ganze ist natürlich sehr komplex.

Wann wird Dopamin in unserem Belohnungszentrum ausgeschüttet?

Immer dann, wenn uns etwas Gutes passiert. Essen, Liebe, Sex: Alles, was im weiteren Sinne gut für uns ist, für unser Überleben und unsere Arterhaltung, führt zur Dopaminfreisetzung. Am besten ist aber, wenn uns etwas unerwartet Gutes passiert. Je stärker das positive Geschehen von unserer Erwartungshaltung abweicht, desto mehr Dopamin wird freigesetzt. Und desto mehr freuen wir uns.

Können Sie das an einem Beispiel erläutern?

Nehmen wir zwei Studenten, die eine Multiple-Choice-Klausur schreiben. Der eine hat nichts gelernt und schreibt auf gut Glück trotzdem mit. Der andere hat wie bekloppt gelernt und ist perfekt vorbereitet. Sie bekommen die Klausur zurück. Der erste hat eine Vier und freut sich wie ein König, weil er mit Durchfallen gerechnet hat, und daher jetzt viel Dopamin ausgeschüttet wird. Der  zweite hat eine Zwei und ist enttäuscht, weil er eine Eins erwartet hat. Obwohl sein Ergebnis objektiv ein Anlass zur Freude wäre, gibt’s kaum Dopamin. Er geht dann vielleicht aus Frust in eine Kneipe und trinkt zwei Bier, stimuliert damit sein Dopaminsystem, und fühlt sich vielleicht wieder besser.

Drogenglück ist auch Glück?

In physiologischer Hinsicht schon. Kokain etwa blockiert  den Dopamintransporter.  Dadurch kann freigesetztes Dopamin länger wirken und man hat länger ein gutes Gefühl.

Wie mächtig ist Dopamin? Sind wir dem Botenstoff ausgeliefert?

Anders als Tiere sind wir unseren Emotionen und Gelüsten nicht einfach ausgeliefert. Denn wir haben unser Vorderhirn, das uns ermöglicht, mit unserem Verstand gegen Emotionen und Gelüste – als auch gegen Dopamin-Belohnung – zu handeln.

Sie haben vor zwei Jahren bei Günther Jauchs TV-Quiz „Wer wird Millionär“ mitgemacht und sind schließlich an der 125 000 Euro-Frage gescheitert. Was war Ihre Motivation? Glücksrittertum?

Ich habe da einfach aus Spaß mitgemacht und hatte mich nicht mal groß vorbereitet. Entsprechend überrascht war ich schon, dass ich überhaupt als Kandidatin angenommen wurde. Dafür ist es dann super gelaufen. Ich habe 16 000 Euro geholt.

Macht Geld Sie glücklich?

Ich komme aus einer Familie, wo Geld sehr knapp war, das kann schon das Glücklichsein erschweren. Geld gibt eine gewisse Sicherheit und Freiheit im Leben und trägt bis zu einem gewissen Level zum Glücklichsein bei. Studien haben aber gezeigt, dass ab 60 000 Euro netto im Jahr das Glücksgefühl nicht mehr groß ansteigt durch zusätzliches Einkommen.

Was verschafft Ihnen Glücksmomente?

Ich segle gerne. Sobald ich auf dem Wasser bin, bin ich im Flow – der perfekte Glücksmoment für mich. Und dass ich sehr gerne pokere,  ist auch kein Geheimnis. Beruflich habe ich das große Glück, einen unkündbaren Job zu haben und in meinem Beruf das tun zu dürfen,  was mir Spaß macht. Das macht mich generell wirklich glücklich.