Zeitgeschichte Filme aus Ulmer über die Studentenbewegung

Ulm / Von Magdi Aboul-Kheir 02.08.2018

Ich möchte darauf hinweisen, dass es einen Unterschied gibt zwischen Gewalt und Karikatur von Gewalt. Tomaten und Eier sind qualitativ etwas völlig anderes als Steine.“ Mit ernster Miene führt der Student seine Gedanken aus, doch am 6. Juni 1967, vier Tage nachdem der Student Benno Ohnesorg von einem Polizisten erschossen worden war, erhitzt die Gewalt-Frage im Hörsaal der Freien Universität Berlin die Gemüter. Die Wortwechsel sind ein Höhepunkt des Dokumentarfilms „Ruhestörung“, den Hans-Dieter Müller und Günther Hörmann vom Ulmer Institut für Filmgestaltung gedreht haben.

Das  von Alexander Kluge und Edgar Reitz 1962 gegründete, an die Ulmer HfG angeschlossene Institut hat damals zehn Filme über die studentische Protestbewegung produziert, gedreht von Hörmann, Müller und Wilfried E. Reinke. Absolut Medien hat diese Zeitzeugnisse nun als Doppel-DVD herausgebracht. Diese „Filme zur Studentenbewegung 1967-1969“ sind sehenswerte Dokumente: sechs Stunden, die in eine Vergangenheit entführen, die historisch anmutet, doch bis in unsere Gegenwart hineinwirkt.

Als die Filmemacher das Thema anpackten, war von Straßenschlachten und Massendemonstrationen noch nichts zu sehen. Sie wollten den Reformprozess an den Universitäten begleiten und öffentlich machen. Und plötzlich kam eine enorme Dynamik in die Studentenbewegung. Die Filmemacher wurden „von der Heftigkeit der Protestwelle gewissermaßen überrollt“, sagt Hörmann.

In Ulm selbst war die Universität damals erst im Entstehen, und an der HfG, die sich „im schleichenden Prozess ihres Endes“ befand, „hat es keiner Studentenbewegung bedurft“, erinnert sich Hörmann. „Es gab keine Professoren, sondern nur Dozenten, und das Verhältnis zu diesen war eher unproblematisch.“ Vietnam sei ein Thema für die Lehrenden gewesen, für die Studenten nicht so sehr.

Und die sexuelle Revolution? „Die haben wir auch ohne Studentenbewegung praktiziert“, erzählt Hörmann lachend. Schließlich hätten weibliche und männliche HfG-Studenten in Ulm damals Tür an Tür gelebt, im Gegensatz zu anderen Hochschulen in Deutschland.

„Wir müssen nach Berlin!“

Die Solidarisierung begann für die Ulmer Studenten erst mit der Erschießung Ohnesorgs, „davor dachte man, so etwas passiert in der Bundesrepublik nicht“, sagt Hörmann. Der heute 78-Jährige erinnert sich genau, wie die jungen Filmemacher am Abend des 4. Juni 1967 – zwei Tage nach Ohnesorgs Tod – in Alexander Kluges Münchner Wohnung zusammensaßen und sagten: „Wir müssen nach Berlin!“ 36 Stunden später drehten sie im Hörsaal der Freien Universität.

Sie filmten in den Unistädten Berlin, Tübingen, Frankfurt, Hannover und Freiburg.  Eine Sequenz aus Ulm gehört aber auch zum Material, im ersten Film „Die Vorboten von 1968“, der frühe Demonstrationen gegen die Bildungsmisere zeigt. Diese Dokumentation beginnt mit einer CDU-Wahlkampfveranstaltung von Bundeskanzler Ludwig Erhard in der Donauhalle 1965. Tübinger Studenten stören den Auftritt des Kanzlers. „Gehen Sie rüber in die Ostzone“, hält Erhard ihnen entgegen, „und machen Sie dort das Maul auf!“

Der Film „Ruhestörung“ fängt dann die brodelnde Stimmung in den Hörsälen 1967 ein, als die Studenten klarmachten, „dass die Proteste nur dann aufhören werden, wenn die reaktionäre Politik ein Ende hat“. Wie der Streifen nüchtern die Haltung von Studenten und Politikern gegeneinander montiert, lässt die Tonlage und Stimmung, die besondere Dynamik und Polemik dieser Tage deutlich werden.  Dabei ist manches, was auf Film gebannt wurde, „durchaus zufällig, nicht geplant“, wie Hörmann sagt.

Denn inspiriert vom amerikanischen Dokumentarstil des „Direct Cinema“ mit seinen 16-Millimeter-Kameras und Original-­Ton, konnten die Filmemacher an den Orten des Geschehens „einfach losdrehen“. Das macht die Filme authentisch, „das könnte man gar nicht mehr so drehen“, sagt Hörmann. „Denn heute sind die Leute so medienerfahren, die würden solche Aufnahmen gar nicht mehr zulassen.“

Zum Beispiel  „Django und die Tradition“. Der Film zeigt die letzte Versammlung des Sozialistischen Deutschen Studentenbunds in Hannover Ende 1968, als sich die Radikalisierung eines Teils des studentischen Milieus bereits abzeichnet – und deren Zerfall. Sexismus und Feminismus knallen aufeinander, Anti-Establishment-Aggression und linkstotalitärer Tonfall vermengen sich, die Gewalt in der Sprache ist erschreckend.

„Wie diese Typen aussahen!“

Der an Italo-Western angelehnte „Django“ im Titel kommt auch nicht von ungefähr, wenn man die modische Selbstinszenierung, die Frisuren, Schals und Mäntel der Studenten sieht.  Darin liegt auch eine besondere Stärke des Filmmaterials: „Es ist faszinierend, wie diese Typen aussahen und wie sie geredet haben“, findet Hörmann in der Rückschau. Und es handelt sich eben nicht um ­effekthascherisch montierte Schnipsel wie in einer Guido-Knopp-Doku, sondern oft um lange Einstellungen.

In Ulm schlug der HfG derweil ihr letztes Stündlein. Das Institut für Filmgestaltung bestand aber weiterhin. „Alexander Kluge hatte das damals bereits in relativ trockenen Tüchern“, sagt Hörmann. So konnten die Ulmer weiterdrehen.

Darunter waren die Dokumentationen, die auf der zweiten DVD enthalten sind: Filme zur Grundordnungsversammlung der Uni Freiburg, Szenen einer Institution im Umbruch, Porträts von Studierenden, Reformversuche von Professoren, viele Wortwechsel. Diese Freiburger Filme hätten viele Jahre als „langweilig“ gegolten, sagt Hörmann freimütig. Denn im Gegensatz zu den Protestzentren Berlin und Frankfurt ging es im Breisgau beschaulich zu. Doch heute, 50 Jahre später, stoßen diese Filme wieder auf Interesse. Denn sie zeigen eine andere, weniger extreme, aber nicht weniger bedeutsame Seite der Studentenbewegung.

Und auch wenn uns der Duktus vieler Debatten fremd in den Ohren klingt und manche Konflikte überkommen anmuten, sollte man nicht vergessen, dass diese „Filme zur Studentenbewegung“  die ersten politischen Gehversuche einer Generation zeigt, die unsere Gesellschaft dann für immer verändern sollte.

Eine Investition, die sich gelohnt hat

Seit ihrer Entstehung sind die „Filme zur Studentenbewegung 1967-1969“ (die DVD-Box ist bei Absolut Medien erschienen) nur selten zu sehen gewesen – und wenn, dann bestenfalls in Ausschnitten, etwa zu runden Jahrestagen der 68er-­Bewegung. 20 000 Euro mussten für die Digitalisierung der Dokumentationen zusammengetragen werden, doch das hat sich schon amortisiert: 1000 Exemplare sind bereits verkauft.

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