"Stuttgart-Ulm" und kein Ende, die Gräben zwischen Befürwortern und Gegnern tiefer denn je: Nach jüngsten Meldungen über Verzögerungen und durch die Bahn offiziell nicht bestätigte Verteuerungen des Tiefbahnhofs in der Landeshauptstadt ("Stuttgart 21") um 1,5 auf 5,5 Milliarden Euro hat die Phase der Schuldzuweisungen eingesetzt. Das Lager der Unterstützer macht Proteste und Einsprüche verantwortlich, denn sie hielten den Fortgang auf und verteuerten S 21. Die Projektgegner bezichtigen die Bahn, schlampig geplant zu haben.

"Die Verteuerungen stehen in der Verantwortung der Bahn", sagt Jürgen Filius, Ulmer Grünen-Landtagsabgeordneter unserer Zeitung. Dem angeblich bestgeplanten Projekt aller Zeiten mangele es immer noch an einem tragfähigen Brandschutzkonzept. Nicht einmal die Grundwassermenge, die abzupumpen sei, könne genau beziffert werden. "Selbst der Umbau des Gleisvorfelds im Stuttgarter Hauptbahnhof scheint den Konzern zu überfordern", giftet der Grüne, der sagt: "Ich muss der verbreiteten Ansicht widersprechen, S 21 sei fertig geplant und könne umgesetzt werden. Für mehrere Abschnitte sind noch nicht mal Pläne zur Genehmigung eingereicht."

Die Bahn versuche die Schuld an den Mehrkosten auf die Schlichtung abzuwälzen. "Erst die Schlichtung hat gezeigt, dass die ursprünglich von der Bahn geplante Anbindung des Flughafens nicht funktioniert." Die notwendigen Umplanungen und Zusatzkosten könnten deshalb doch nicht der Schlichtung in die Schuhe geschoben werden.

Filius dreht in einer Stellungnahme gegenüber unserer Zeitung die Uhr zurück auf die Zeit vor 2006. Bis dahin war von zwei Einzelvorhaben die Rede gewesen, vom Tiefbahnhof ("S 21") und der Neubaustrecke Wendlingen-Ulm. Unter Ministerpräsident Günther Oettinger wurde nicht zuletzt aus Finanzierungsgründen beides zu "Stuttgart-Ulm" zusammengefasst. Filius sagt jetzt aber, es handele sich nach wie vor um zwei voneinander getrennte Vorhaben, was Bundesverkehrsminister Peter Ramsauer (CSU) dieser Tage bestätigt habe. Filius: "Das ist wegen des sich abzeichnenden finanziellen Desasters bei S 21 ein Vorteil." Denn für die Neubaustrecke stehe die Finanzierung durch EU, Bund, Bahn und Land, und der Bau einzelner Streckenteile habe ja auch bereits begonnen.

Falsch sei die Behauptung, die Neubaustrecke sei untrennbar gekoppelt mit S 21, weil sie sonst im freien Feld in Wendlingen enden würde. "Es gäbe natürlich eine Fortführung zum Hauptbahnhof Stuttgart." Noch sei Zeit, die Neubaustrecke durchs Neckartal in einen ertüchtigten Stuttgarter Hauptbahnhof zu führen und eine alternative Verbindung zum Flughafen zu planen. Ulm würde dann nicht abgehängt von der schnellen Schiene, die Zeitvorteile aus der Umgehung der Geislinger Steige blieben zu einem erheblichen Teil erhalten. Laut Filius ließe sich die Fahrzeit Ulm-Stuttgart dann zwar nicht auf unter eine halbe Stunde senken, aber auf 38 Minuten.

Da sich abzeichne, dass kein Partner von S 21 - Bahn, Bund, Land, Stadt, Region Stuttgart - bereit sei, die Mehrkosten zu übernehmen, drohe wahrhaft ein Jahrhundertprojekt. Filius: "Dies im wörtlichen Sinn, denn die Bahn würde bestimmt Jahrzehnte zur Finanzierung der Zusatzkosten benötigen."