Dieser Text erschien am 8. Juni 2006 in der Printausgabe der SÜDWEST PRESSE Ulm.

Ihr entfernter Verwandter „Bruno“ stromert seit Wochen im bayerisch-österreichischen Grenzgebiet herum und sorgt für dicke Schlagzeilen. Was halten Sie denn davon?

SUSI: Also dieser Bruno soll schon immer ein ziemlicher Aufschneider gewesen sein. Sieht ihm ähnlich, dass er sich jetzt für die Medien extra ins Zeug legt.

CHEPPO: Ich finde, er ist sehr mutig. Der traut sich ganz schön was. Schafe sollen ja ziemlich gefährliche Tiere sein. Hab ich gehört.

SUSI: Spinnst du? Die sind absolut harmlos. Nur weil du noch nie ein lebendiges Schaf gesehen hast!

Manche Leute sagen, Bruno sei gefährlich und verhaltensgestört. . .

SUSI: Für Euch Menschen gilt wohl jedes wilde Tier als verhaltensgestört, das nicht den ganzen Tag brav hinter Gittern rumlungert. Wahrscheinlich seid Ihr total überrascht davon, dass Bären in freier Wildbahn andere Tiere fressen - und nicht mit der Milchkanne unterm Arm über die Alm spazieren. Ich will mal so sagen: Als jetzt dieser Zirkus zu Gast war, hat ein Dompteur seinen Kopf ins Maul eines Löwen gesteckt, und das Publikum fand's toll. Wenn man das bedenkt, habe ich meine Zweifel, ob Menschen so urteilssicher sind, was natürliches Verhalten ist und was nicht.

CHEPPO: Ich finde, das ist nicht normal, was der Bruno da macht. Hat er denn keinen Pfleger, der ihm jeden Tag etwas zu Fressen bringt? Felle von Schafen fusseln bestimmt tierisch zwischen den Zähnen.

SUSI: So viel zum Thema verhaltensgestört. . ..

Der Bär soll die Tiere töten und sie dann einfach liegenlassen.

CHEPPO: Na und? Hat er halt nicht immer seine Portion aufgefressen. Er ist noch jung, da soll sowas vorkommen.

SUSI: Das würde auch das bislang miese Wetter erklären. Ich glaube, er macht das extra, um in die Medien zu kommen. Klappt auch, wie man sieht.

Jetzt wird er von finnischen Spezialisten gejagt, vielleicht sogar erschossen.

SUSI: (seufzend) Wenn Euch nichts Besseres einfällt. Ihr fliegt ins Weltall, aber wenn ein Bär aufkreuzt, dann fangt ihr an rumzuballern.

CHEPPO: Ich bin dafür, dass Mensch und Tier friedlich koexistieren. So wie hier in der Friedrichsau. Wir machen Faxen, und Ihr bringt uns Essen.

SUSI: Man könnte mal die Rollen tauschen. . .

Sind Sie neidisch auf Bruno, weil er - zumindest noch - in Freiheit leben darf?

SUSI: Ich würde schon gern ein wenig durch die Alpen wandern, um andere Bären kennenzulernen. Vielleicht sind nicht alle so dämlich wie Cheppo hier. Kanada soll auch sehr schön sein. Aber ich darf meinen Jahresurlaub immer nur im Winter nehmen. Und da bin ich doch so schrecklich müde.

CHEPPO: Nach draußen gehen? Ich weiß nicht recht. Früher dachte ich, die Welt hört am Donauufer auf. Dann habe ich aber erfahren, dass da noch dieses Neu-Ulm kommt. So einladend klang das aber nicht.