Blaubeuren Feurige Farben und große Hitze: Kunst im Steinbruch

Blaubeuren / CHRISTINA KIRSCH 12.09.2016
„Kunst im Steinbruch“ versammelte bei gleißendem Sonnenschein 40 Künstler und Hunderte von Besuchern in einer imposanten Steinbruchkulisse.

Reiner Schlecker wirft seine Gummistiefel hin und „macht de Rieme ra“. Nach einer schwäbischen Redewendung montiert er damit den Riemen einer Maschine ab und legt damit die Arbeit nieder. Und das in einem Steinbruch, wo die Riemen nur so flutschen sollten und die Gummistiefel immer griffbereit stehen müssen. Der Ulmer Künstler ist einer von 40, die bei der vierten Auflage von Dieter Gassebners Aktion „Kunst im Steinbruch“, im Areal der Familie Merkle direkt auf die Umgebung reagieren. Ein Haufen schwarzer Gummistiefel liegt herum, und ein Riemen aus Bronze bildet eine Endlosschleife.

Schlecker reagiert damit auf die Arbeitswelt im Steinbruch. So wie auch Alfred und Eka Bradler mit ihrer Farbschüttung und die Ulmer Bühnenbildnerin Marianne Hollenstein, die ihre bunten Folienbahnen wie zerfetzte Farbwolken auf Steinhügel drapierte.

Aus den sieben Künstlern der Erstauflage im Jahr 2010 sind  am Sonntag 40 Künstler geworden. Platz sei nun genug da, meinte Geschäftsführer Hartmut Koch-Czech bei der Eröffnung. In den vergangenen sechs Jahren habe man drei Millionen Tonnen Stein verkauft und damit ausreichend Ausstellungsfläche geschaffen.

Die Aufstockung an beteiligten Künstlern hat der Sache jedoch nicht unbedingt gut getan. Die imposante Kulisse mit den steil abfallenden Wänden, der grauen Färbung auf Bäumen und Maschinen und den Geröllhügeln hat zwei gegensätzliche Effekte. Einerseits werden belanglose Arbeiten schonungslos entlarvt, andererseits wird Kunsthandwerk zur Kunst erhoben.

Man sah jetzt bei der vierten Auflage des Kunstevents deutlich, dass es nicht damit getan ist, ein paar Äste mit Wolle und Draht zu umwickeln und das Ganze dann an verstaubten Arbeitsmaschinen zu drapieren. Kleinteilige Kabinettstückchen wie Collagen oder Objektkästen verloren sich in der Landschaft und waren der Großartigkeit nicht gewachsen. Und das blank polierte Steinherz schien direkt aus der Geschenkabteilung des Baumarkts nach Gerhausen gekommen zu sein.

Grafische Objekte oder Skulpturen korrespondierten dagegen mit der Struktur der Risse im getrockneten Schlamm. Dieter Gassebners Beton-Schleifen mit ihrer ebenmäßigen Oberfläche wirkten auf dem schrundigen Boden noch glatter. Rostige Metallobjekte setzten sich mit ihrer Materialität gegen die Umgebung ab, und die grünen Plexiglasscheiben von Klaus Joas warfen grüne, wandernde Schatten auf den kalkigen Boden.

Christa Giger, die aus Sementina bei Bellinzona angereist war, formte aus gebogenen Nägeln zierliche Eisenstäbe, die als florales Bündel schlank in die Höhe wuchsen. Gabriela Nasfester zeichnete an dem heißen und wolkenlosen Tag die Schattenwürfe eines Stuhlobjekts mit Polyesterbändern nach. Gefährlich zerbrechlich sah ein mit kunstvollen Gläsern gedeckter Glastisch aus, der auf immer kleiner werdenden Steinbruchpyramiden ruhte. Die finnische Künstlerin Outi Turpeinen hatte die einladende und doch sehr fragile Installation aufgebaut. Recht derb kamen dagegen die rohen Holzblöcke daher, in die der Ulmer Bertram Bartl seine Runen schnitt.Er rette Metallteile vor dem Einschmelzen, erklärte Alexander Weinmann aus Radolfszell und zeigte rostige Fundstücke als Wächterfiguren.

Den Satz „Schau, hier kannst du dir Inspiration holen“, hörte man bei den zahlreichen Besuchern des Öfteren. Der eine oder andere war auch verführt, in Anbetracht des martialischen Steinbruchs den Kollegen Sisyphus in Erinnerung zu rufen. „Kunst im Steinbruch“ beeindruckte die Besucher aufs Neue. Auch deshalb, weil Kunst vor der übermächtigen Steinkulisse schonungslos auf ihren Stellenwert geprüft wird.

Felsbild in Rot

Farbschüttung 1500 Liter Farbwasser schüttete Alfred Bradler eine rund tausend Quadratmeter große Wand hinunter. „Feuer ...“, betitelten er und seine Frau Eka diese Land-Art-Installation, die gemächlich vonstatten ging. Mit Gießkannen ließ Alfred Bradler die gelbe und rote Lebensmittelfarbe die Steine hinunterfließen. Ein sattes Rot markierte die Verästelungen und Risse in der Steilwand. 2014 hatte das Ulmer Ehepaar blaue Farbe über die Steinbruchkannte geschüttet und die Aktion „Wasser“ genannt. Gestern hieß die Installation „Feuer . . .“, weil Feuer von unten nach oben wachse. So verwendeten die Bradlers auch erstmals eine Maschine, die die Farbe von unten auf die Felswand spritzte. Das Kunstwerk ist endlich. In ein paar Tagen ist von der Farbe nichts mehr zu sehen.

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