Klassik Konzert: Feuerwerk des Württembergischen Kammerorchesters

Der estnische Dirigent Risto Joost.
Der estnische Dirigent Risto Joost. © Foto: Mait Jüriado
Ulm / Jürgen Kanold 29.04.2017

„Souvenir de Florence“ heißt das Streichsextett von Peter Tschaikowsky, und genau so klingt es oft: sehr nett. Eine gefällige Salonmusik. Der Dirigent Risto Joost aber brachte zum 4. Ulmer Konzert des Württembergischen Kammerorchesters keine Andenken mit, sondern eher Dynamit. Eine mitreißende Aufführung. Die Musikerinnen und Musiker spielten vom ersten Takt an hellwach, auf Kante: das Allegro con spirito im verschärften Tempo, das Finale extrem lebhaft. Nie aber erklang der Tschaikowsky-Hit nur vordergründig effektheischend, sondern musikalisch existenziell. Und im Adagio zauberte Joost mit dem Streichorchester schönste Kantilenen – Extraklasse der Cellist Gabriel Faur.

Der 36-jährige Joost kommt aus Estland, ist auch Countertenor und eine Institution in seiner Heimatstadt Tallinn; seit 2015 leitet er den MDR-Rundfunkchor in Leipzig. Die berühmte estnische Chorschule, möchte man sagen: Joost atmet auch mit dem Orchester. Er zeigt enorme Körperspannung, verfügt über eine große Ausstrahlung und auch Witz. Also wenn Joost in Heilbronn nicht zu den Aspiranten auf die Nachfolge des 2018 sich verabschiedenden Chefdirigenten Ruben Gazarian gehört . . .

Große Schubert-Oper

„Stimmengold“ war das Konzert überschrieben: Die goldblonde Mojca Erdmann trug  passend goldene Schuhe zum Abendkleid mit Goldapplikationen, sang aber auch großartig sechs Lieder von Franz Schubert. Das war gewiss keine innige Romantik, sondern eher große Oper zur nicht sonderlich aufregenden Streichorchesterbegleitung (von Hans-Klaus Langer). Aber zu bewundern war ein in jeder Lage prachtvoller, fließender, so hell wie emotionaler Sopran erster Güte. Aus „Gretchen am Spinnrad“ machte der Opernstar tatsächlich ein Mini-Drama. Und das „Heidenröslein“ sang Mojca Erdmann gleich zweimal, in der Zugabe dann noch kecker, burschikoser.

Risto Joost brachte auch zwei Werke aus seiner Heimat mit: eingangs fünf schön spätromantische Stücke für Streichorchester von Heino Eller (1887-1970), so elegisch wie expressiv dargeboten, vor allem die „Heimatliche Weise“. Und als Zugabe einen theatralischen Spaß von Jonas Tarm, „Yellow Media“: Ein Streichorchester spielt eine turbulente Pressekonferenz nach. Großer Jubel.

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