Ulm Festival im Stadthaus

UDO EBERL 18.04.2016
Mitten hinein in selig machende Klanggemälde, neutönerische Grenzbereiche, popaffine Songs und Dada-Welten ging es beim Festival Beauty-Broken nicht nur im Stadthaus, sondern auch im Münster.

Ein wagemutiges Unterfangen, die Schönheit in ihrer ganzen Vielschichtigkeit musikalisch verdichten und mit offenen Rändern eingrenzen zu wollen. Jürgen Grözinger, Projektleiter des Festivals für Neue Musik im Ulmer Stadthaus, ist nicht nur ein Feingeist, er liebt es auch, Grenzen auszuloten und zu überschreiten. Mit dem ausgezeichnet besetzten Pool des European Music Project lassen sich wie auch mit den ausgesuchten Solisten solche Wagnisse angehen.

Wie weit gefasst das Thema "Beauty-Broken" war, ließ sich besonders am Freitag und Samstag feststellen - wie so oft mit Kompositionen, die man äußerst selten live hören kann, zudem in außergewöhnlichen Verknüpfungen. So konnte man das kristallin anmutende "Syrinx", ein Flötensolo Claude Debussys, fast als einen Teil einer Klammer für zwei Festival-Tagen verstehen. Teil zwei der Klammer war David Langs "Death Speaks", ein knapp 30-minütiger Liederzyklus für Gesang und Ensemble, der intensiver hätte kaum sein können. Welch spröde Schönheit: Maria Rosendorfsky im vokalistischen Schwebezustand trotz einer gewaltigen Textstrecke, dazu angezerrte Gitarrenklänge und Lyrik vom Piano und der Violine. Diese Ulmer Version wurde dem noch etwas klarer strukturierten Original mehr als nur gerecht. Zuvor hatte man mit György Kurtágs "Hommage à Robert Schumann" die aufwühlende Entkernung des Schönheitsideals erleben dürfen. Ein Herantasten, Abscannen und Hineinschleichen in den tiefen Schichtungen des musikalischen Wurzelwerks mit Piano, Viola und Klarinette. Furios und hoch konzentriert bis zum finalen und einzigen Trommelschlag.

Mit einem nicht minder fordernden und zerbrechlichen Werk von Clara Iannotta war man in den Abend gestartet, der mit "About Beauty", einer Komposition von Antinos Anissegos, Jürgen Grözinger und Thimios Atzakas an der Oud einen weitere Klangfarbe bekam, die vom Visual-Künstler Haegar mit ästhetischer Hingabe noch verstärkt wurde. Einmal mehr ein Orient-Okzident-Wurf in dieser Reihe.

Ganz anders, geradezu monolothisch und porentief schön: "Heroin" von Rocklegende Lou Reed in David Langs Interpretation für Gesang und Cello. Die Zeit schien still zu stehen. Mathis Mayr und Vokalistin Anna Clementi als überwältigendes Duo. Am Tag zuvor hatte sich die Stimmkünstlerin mit den blonden Wuschelhaaren zusammen mit Hedda Oledzki bereits ins Schwitterland gewagt, und unter dem Motto "Kurt Schwitters remixed" Texte und Fokussierungen im besten dadaistischen Sinne aufgemischt.

Ein ganz schön harter Bruch zwischen Querflöten-Seligkeit und perkussiven Xenakis-Metamorphosen, doch der Überraschungscoup mit einem Spagat zwischen der Antike, klassischer Avangarde und dem grellen Jetzt sollte noch weiter gedehnt werden. Die über alle Tage hinweg so starke Miriam Götting zelebrierte mit "Ai limiti della notte" aus der Feder von Salvatore Sciarrino ein Viola-Solo von geradezu fluoreszierender Schönheit.

Eine ganz andere solistische Herangehensweise erlebten die Besucher im vollen Saal mit Infinite Livez. Der Brite ließ in bester Elektroniker-Manier zunächst Soundflächen, dann einen ganzen Song entstehen, der sich an der Schnittstelle zwischen Soul und HipHop bewegte, um ihn dann wieder zu dekonstruieren. All das zwischen orchestraler Opulenz und einem Streichquartett von John Taverner, so schön, dass es einem fast den Atem raubte.

Apropos Atem: Den kann man ja im Münster im April ja noch sehen - beim Ausatmen. In Decken gehüllt durfte man in der "Late Night" zunächst erleben wie sich Friedemann Johannes Wieland an seiner Orgel mit "Principal Sound" von Morton Feldman mit großen Harmonieblöcken und Tinnitus-Höhen durch die bisweilen düstergraue Nebelnacht wagte. Hymnischer und von geradezu pulsierender Wucht war das Zusammenspiel Wielands mit Jürgen Grözinger, bei dem auch die feinen Töne ihre Räume im Hall fanden.

Und was für ein Finale in der Nacht mit Goreckis "O Domina Nostra": Sopranistin Esther Kretzinger lebte hoch oben in der Pfeifen-Wand den Titel des gesamten Festivals, musste sich diverser Orgel-Disharmonien erwehren, die das Kirchenschiff erzittern ließen, doch die Schönheit obsiegte.

Uraufführung von Dieter Schnebel

Komponist vor Ort "Oh, wie schön - manchmal bricht es aus uns heraus . . ." Dieter Schnebel, ein Altmeister der deutschen Neutöner-Avantgarde, war am Sonntag aus Berlin extra angereist, um im Stadthaus die Uraufführung seiner "6 Inventionen mit Nocturne für/über A.C." zu erleben. Ja, eine regelrechte Uraufführung bot das Festival im finalen Konzert. Der 86-Jährige las zusammen mit seiner Widmungsträgerin und Interpretin Anna Clementi zunächst aus einem Vortrag über das Schöne. Der Komponist gehörte einst auch zu den Protagonisten der Donaueschinger Musiktage und kann sich gut daran erinnern, dass Schönheit dort früher "etwas Anrüchiges" hatte, wie er im Gespräch mit unserer Zeitung erklärte. Nun, Schnebel kennt und schätzt die Vokalistin Anna Clementi seit Jahrzehnten, sie gehörte zu seinen "Maulwerkern" - und über ihre Initialien A und C schrieb er ein kleines Stück für Stimme und Klavier, in dem entsprechend die große Sexte eine Hauptrolle hat. "Ein sehr schönes, zärtliches Intervall, Komponisten spielen gerne mit Buchstaben", sagte Schnebel, der in musikalischen Tönen wie Dmitri Schostakowitsch signiert: D-Es-C-H. Das kurze Stück also dann im Konzert, uraufgeführt von der Italienerin und Antonis Anissegos: eher tonale Klavierepisoden mit Stimmen-Beifang, kein Ausbruch, ein Aperçu. Na schön.