Kleine Kinder können nicht abstrahieren. Sie halten das, was sie auf Bildschirmen sehen, für mehr oder weniger real. Dass Fernsehen oder anderweitiger Medienkonsum bei ihnen deshalb für ein hohes Maß an Erregung und mitunter auch Aufregung sorgt, dürfte allgemein bekannt sein. Folglich birgt auch die Aussage, dass TV und Co. dem kindlichen Schlaf eher abträglich sind, wenig Überraschendes. Zumal es dazu bereits wissenschaftliche Untersuchungen gibt. Die haben aber meist eine weit gefasste Altersspanne, stammen aus anderen Kulturkreisen oder beziehen sich ausschließlich auf das Medium Fernsehen.

Insofern bringt eine aktuelle und jüngst in der Fachzeitschrift „Sleep Medicine“ veröffentlichte Ulmer Studie neue Erkenntnisse. Erstmals hatten Wissenschaftler um die Ulmer Uni-Epidemiologen Prof. Dietrich Rothenbacher und Dr. Jon Genuneit im Rahmen der „Ulmer Spatz-Gesundheitsstudie“ ausschließlich Eltern dreijähriger Kinder zu deren Medienkonsum sowie der Qualität des kindlichen Schlafes befragt.

Explizit wurden auch neue Medien wie Smartphones oder Computerspiele mit einbezogen – und sogar ein ganz altes Medium: das Buch. „Wir haben nämlich auch nach dem Vorleseverhalten der Eltern gefragt, sagt Genuneit, der überzeugt ist: „Es ist die erste Studie aus Deutschland, die anhand aktueller Daten zeigt, wie in jungen Familien mit Medienkonsum umgegangen wird.“ Zumal auch die Datenmenge beachtlich und somit zumindest für den süddeutschen Raum repräsentativ sei. Mehr als 500 Familien, überwiegend aus der Ulmer Region, haben die Fragebögen ausgefüllt.

Auf den ersten Blick falle die Mediennutzung der 530 Dreijährigen moderat wenngleich nicht unproblematisch aus, sagt der 39-jährige Mediziner. Demnach konsumieren sechs von zehn Kindern (58 Prozent) täglich bis zu maximal einer Stunde Filme oder Videos auf unterschiedlichen Endgeräten (siehe auch Infokasten). Allerdings verbringe jedes siebte Kind mehr als eine Stunde vor Bildschirmen. „Das überschreitet den empfohlenen Grenzwert von 30 Minuten in diesem Alter erheblich.“

Früh vorbeugen

Bei der Auswertung der Fragebögen stellten die Wissenschaftler fest: Erhöhter Fernsehkonsum geht mit einer Verschlechterung der Schlafqualität einher. So neigten dreijährige Viel-Schauer etwa stärker zu schlafbezogenen Ängsten und Tagesschläfrigkeit. Die Beschäftigung mit Büchern, ob vorgelesen oder angeschaut, habe dagegen keine negativen Auswirkungen auf den Schlaf gehabt. Im Gegenteil: „Vielmehr scheint Buchnutzung Kinder vor nächtlichem Aufwachen zu schützen“, sagt Genuneit, der überzeugt ist: Damit Schlafprobleme nicht chronisch werden, sind vorbeugende Maßnahmen in Bezug auf die Mediennutzung schon in der frühen Kindheit notwendig.“

Die Spatz-Gesundheitsstudie ist eine Langzeitstudie der Uni Ulm, die 2013 mit 1.200 Neugeborenen startete. Jedes Jahr füllen die teilnehmenden Eltern einen mehrseitigen Fragebogen zu unterschiedlichen Themen aus. Ziel der Studie ist es die Ursachen von chronischen Erkrankungen bei Kindern besser verstehen, zum Beispiel Allergien, Asthma oder Übergewicht. Weiterhin geht es um psychosoziale Faktoren sowie um den Schlaf von Kindern und Eltern. Die Studie wird komplett aus Eigenmitteln der Medizinischen Fakultät finanziert.

Ein Bildschirm ist kein Babysitter


Empfehlungen Wie viel Medienkonsum ist für Kinder verträglich? Die österreichische Gesellschaft für Kinder- und Jugendheilkunde hat acht Empfehlungen für Eltern verabschiedet.

1 Kinder unter zwei Jahren sollten überhaupt keine Zeit vor Bildschirmen verbringen.

2 Von zwei bis zum Vorschulalter gilt: maximal 30 Minuten Bildschirmkonsum täglich.

3 Kinderzimmer sollten grundsätzlich  bildschirmfrei bleiben. Insbesondere Smartphones sollten sich nachts nicht eingeschaltet im Kinderzimmer befinden.

4 Kinder sollten nur altersgerechte Inhalte sehen beziehungsweise spielen.

5 Kinder nicht vor dem Bildschirm alleine sitzen lassen.

6 Bildschirme sind kein Sprachen- oder Sprechlehrer.

7 Die Zeit vor dem Schlafengehen sollte absolut bildschirmfrei bleiben. Gilt auch für Smartphones.

8 Eltern sollten Kindern stattdessen möglichst oft vorlesen und mit ihnen altersgerechte Gesellschaftsspiele spielen.