Kunst Feier der Erinnerung: Galerie Schrade zeigt Thomas Kahl

Alle Besucher passten nicht in die Galerie bei der Vernissage zur Ausstellung von Thomas Kahl.
Alle Besucher passten nicht in die Galerie bei der Vernissage zur Ausstellung von Thomas Kahl. © Foto: Lars Schwerdtfeger
Ulm / Lena Grundhuber 06.08.2018

Er habe so einen großen Rucksack gehabt, erzählt Martina Strilic und muss schon wieder lächeln: „Den nannte er sein ‚Büro’.“ Das ist so lustig wie präzise, denn in diesen Rucksack, so erzählt die Galeristin, steckte Thomas Kahl ja wirklich, was er zur Arbeit brauchte: seine Notizen, seine Fundstücke, all die Gegenstände, die er dann wieder in Kunst verwandelte.

Das kann ein Kronkorken sein, eine getrocknete Beere oder eine tote Biene, die er auf Holzbrettchen tagebuchartig zu manchmal ironischen, vielleicht sentimentalen Geschichten verknüpft. Den Erinnerungsgehalt wird der Betrachter nicht ent­schlüsseln, eines aber eint die Täfelchen wie alle Werke von Kahl: ihr Blick für das Detail, die tiefe und zutiefst anrührende Liebe zu allem Lebendigen und das klarsichtige Bewusstsein dafür, dass das Lebendige niemals ewig bleiben kann.

Rund 150 Werke

Auch Thomas Kahl ist nicht mehr. Vergangenes Jahr erlag der Ulmer Künstler mit 53 Jahren seiner Krebserkrankung. Wer am Freitag bei der Vernissage seiner Ausstellung in der Galerie Tobias Schrade war, der konnte schon an der schieren Menge der Besucher aus ganz Deutschland ablesen, wie sehr er fehlt, „dieser begeisterte Begeisterer, dieser Romantiker und Rebell, dieser eigenwillige Gentleman“, wie Claudia Reicherter in ihrem Nachruf schrieb.

Die Galeristen Martina Strilic und Tobias Schrade waren jahrzehntelang mit Kahl befreundet, und ihre retrospektiv angelegte Schau mit rund 150 Werken ist auch eine Liebeserklärung an den Freund, eine Feier der Erinnerung, schon im Titel: „La felicitá é sempre dall’ altra riva – Das Glück ist immer am anderen Ufer“. Das stand auf einer Kachel in jenem Haus am Lago Maggiore, in dem sie viele gemeinsame Urlaube verbrachten.

Ein Satz, der resignativ wirkt, sich aber, ganz im Sinne des Künstlers, einer eindeutigen Lesart verweigere, sagte Jürgen Widmer in seiner Eröffnungsrede: „Geht es in der Kunst doch stets auch um den Wechsel der Perspektive, des Standpunkts. Nur wer ihn verändert, kann immer wieder neu sehen“, so der Journalist: „Der radikalste Perspektivwechsel, den wir Menschen uns denken können, ist der Tod“. Auch deshalb wohl ist der Tod als die andere Seite bei Kahl immer schon mitgedacht.

Das sieht man nicht nur in seinen Dioramen mit ihren Playmobil-Skeletten, die er wie alle anderen Figuren fein säuberlich sortiert in Eisschachteln aufbewahrt habe, wie Strilic lächelnd erzählt – „er war nämlich sehr ordentlich!“, ruft Schrade. Die Vanitas-Motive, die Hasen, die Fische, die Früchte durchziehen das Werk. Auch die Brote, für die er so bekannt war, gehören dazu; nicht umsonst hocken die Brotschneidemaschinen direkt davor. Als Hommage an Kahls absurd-valentinesken Humor, aber auch als ein Beispiel für jene „ruppige Zuneigung“ fürs Banale, von der Jürgen Widmer sprach.

Und für die trotzige, rotzige, traurige, komische, liebevolle Zärtlichkeit, mit der Kahl zum Beispiel diese winzige grüne Scherbe auf sein Täfelchen ge­klebt hat. Rechts hinten, links beim Fenster, so schutzlos und so aufgehoben.

Arbeiten aus diversen Werkreihen

Die Ausstellung „La felicitá é sempre dall’ altra riva – Das Glück ist immer am anderen Ufer“ ist bis zum 1. September in der Galerie Tobias Schrade zu sehen. Die Galerie betreut den Nachlass des Künstlers und zeigt Arbeiten aus seinen vielseitigen Werk­reihen. Öffnungszeiten: Dienstag bis Freitag 13 bis 18 Uhr, Samstag 11 bis 15 Uhr, sowie nach Vereinbarung.
www.galerie-tobias-schrade.de

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