Trend Faszientraining gibt Elastizität zurück

Ulm / ULRIKE SCHLEICHER 02.05.2015
Sport soll ja in erster Linie die Gesundheit fördern, aber auch er unterliegt wie Mode Trends. Einer davon, der aus den USA nach Ulm gekommen ist, nennt sich "Barre-Fusion" - Übungen an der Ballettstange.

In einschlägigen Magazinen wie "Elle", "Shape" oder "Healthy living" wird die neue Sportart als "momentan angesagtestes Workout in Hollywood" angepriesen. Ein Kriterium, das nicht unbedingt stimmen muss, bei vielen jedoch Interesse weckt. Umrahmt werden die Berichte meist mit Fotos, auf denen Frauen und Männer mit Top-Figuren in schicken Sportklamotten zu sehen sind - eine Mischung, die meist ausreicht, um neue Trends aus den USA in Deutschland zu etablieren.

Interesse daran hatte auch Silvia Deckenhoff. Nur dass die seit 25 Jahren praktizierende Trainerin für Sport und Gesundheit aus beruflichen Gründen immer am Ball bleibt, sich weiterbildet und Trainingsmethoden aneignet, die sie für sinnvoll hält. Die Ulmerin hatte von Barre-Fusion von einer Kollegin in München erfahren, die sich in New York und Miami darin ausbilden ließ und in ihrem Studio wiederum andere ausbildet. Darunter Silvia Deckenhoff im vergangenen Jahr. Ihr Urteil: "Barre-Fusion ist ein effektives Ganzkörpertraining, das vor allem den Rücken stärkt."

Und wie funktioniert es? Zunächst braucht man eine Ballettstange, daher kommt auch der Name barre, das auf Französisch Stange heißt. "Fusion bezeichnet die Kombination der Übungen aus Pilates und Yoga", erklärt die Personal Trainerin, die seit Sommer 2014 regelmäßig Kurse in Neu-Ulm dafür anbietet.

Die Stange erfüllt mehrere Funktionen: Zunächst ist sie eine Hilfe, um bei bestimmten Übungen das Gleichgewicht halten zu können. Außerdem nützt sie Menschen, die etwa Knieprobleme haben, weil man das Gewicht je nachdem auf die Stange verlagern kann. Viel wichtiger jedoch: "Sobald die Leute die Stange mit einer Hand berühren, richten sie sich unwillkürlich auf und ihre Haltung ähnelt der von Balletttänzern", sagt die Trainerin. Das allein sei schon gesund: "Hauptsache, raus aus der weit verbreiteteten, gebeugten Bürohaltung."

Denn die Körperhaltung von Tänzern sieht nicht nur ästhetisch aus - sie ist aufgrund der nach hinten gerichteten Schultern voller Spannung und kräftigt nebenher schon mal Bauch, Rücken, Schultern. Das Workout mit der Stange enthält denn auch einige Elemente aus dem Ballett und dient unter anderem der Straffung von Innen- und Außenseiten der Schenkel, des Pos und der Arme.

Auch Matten, Bänder, Bälle sowie kleine Hanteln gehören als Utensilien zum Training. "Auf dem Boden machen wir Übungen, die für Bauch und Rücken sind und auch aus dem Yoga kommen", erklärt Silvia Deckenhoff. Auch hier wird die Ballettstange integriert und unterstützt die Teilnehmer, die Übungen richtig auszuführen.

Insgesamt sei das Training athletisch und dynamisch zugleich, weshalb es auch für Männer geeignet ist - "sie bekommen schwerere Hanteln". Und Silvia Deckenhoff bringt in der Aufwärmphase zu Beginn ordentlich Herz, Kreislauf und Stoffwechsel in Schwung. Die schnellen, kontrollierten Bewegungen mit Füßen und Armen - 20 Sekunden Anstrengung, 10 Sekunden locker - bringen die Kursteilnehmer schnell ins Schwitzen.

Bei den anschließenden Übungen soll jeder an seine eigenen Grenzen gehen. Silvia Deckenhoff beginnt zwar erbarmungslos immer wieder von vorne zu zählen und korrigiert nebenher Haltung und Ausführung, aber wer nicht mehr kann, hört auf. Viele stöhnen, aber der Spaß überwiegt. "Mir tut das Training hier richtig gut", sagt etwa Sylvia Kern aus Neu-Ulm.

Im Anschluss an die Stange werden die Faszien trainiert - besser bekannt als Bindegewebe. Ein weiterer Trend, der sich immer mehr durchsetzt. Während Barre-Fusion auch auf einer altbewährten Methode der berühmten Tänzerin Lotte Berk basiert - das war in den 1950er Jahren in England - beruht das Faszientraining auf neuen wissenschaftlichen Erkenntnissen, die das Team von Dr. Robert Schleip an der Uni Ulm gewonnen hat.

Neben speziellen Therapien, die von Gesundheitsexperten angewendet werden müssen, gibt es auch die Möglichkeit, in Kursen etwas für diese Fasern zu tun. "Es geht darum, das Bindegewebe elastisch zu erhalten", erklärt Silvia Deckenhoff, die bei Schleip geschult wurde. Sind diese Fasern verklebt, lösen sie Schmerzen aus. "Ganz klassisch im Nacken- und Lendenbereich", sagt sie. Dieses Gewebe sehe dann aus wie ein verfilzter Wollpullover.

Im Kurs verteilt Silvia Deckenhoff zwei mittelgroße Igelbälle, mit weicheren Stacheln und einen kleinen, blauen Ball. Sie werden exakt an die verspannten, schmerzenden Stellen platziert und mit Hilfe des eigenen Körpergewichtes gedrückt und bewegt. Dazu liegen die Teilnehmer auf dem Boden, genau so jedoch kann man Übungen stehend und hockend an einer Wand ausführen.

Nimmt man die Bälle weg, spürt man wie sich die behandelte Region angenehm weich und durchlässig anfühlt. Als die Trainerin anweist, den Ball mit einem Fuß hin und her zu rollen, verziehen allerdings manche das Gesicht vor Schmerz. Silvia Deckenhoff wundert das nicht: "Im Fuß spiegeln sich alle Körperteile und Organe wieder. Da merkt man ehesten, wo es klemmt."

"Ziel ist durch den Druck auf den Ball das alte Zellwasser quasi aus dem Bindegewebe zu quetschen, damit neues nachfließen kann." Der Effekt laut Wissenschaft: Man wird beweglicher. Die Körperwahrnehmung werde besser: "Man fühlt sich leicht und beschwingt", sagt eine Frau im Kurs. Und eine andere meint, sie sei viel stabiler geworden. Ergänzt wird das Training durch Dehnübungen. "Insgesamt fühlt man sich nach einer Weile einfach geschmeidiger - so wie eine Katze."

Was sind Faszien?

Faszien Der Sinn für Körperwahrnehmung steckt in den Faszien, kollagene, faserige Bindegewebe, die wie dünne Häute Muskeln und Organe umhüllen. Sind die Faszien verhärtet oder verklebt, kann das zu Schmerzen und Einschränkungen der Beweglichkeit führen.

Training Wer seine Faszien trainieren will, sollte das laut Dr. Robert Schleip ein bis zwei Mal pro Woche tun und sich vorher gut aufwärmen. Ein bereits sprödes Fasziennetzwerk lässt sich durchaus wieder in ein geschmeidiges umbauen, sagt der Leiter des "Fascia Research Project" an der Uni Ulm. Allerdings brauche man etwas Geduld.

Kurse Barre-Fusion, Faszientraining bei "Lust auf Bewegung"- www.silvia-deckenhoff.de. Mehr Informationen: www.fascial-fitness.de

 

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