Beweissicherung Kriminaltechnik: Fast 8000 Gesichter im Computer

Ulm / Hans-Uli Mayer 16.04.2018

Im Fernsehen sieht alles so einfach aus: Da schlappen die Kommissare lässig quer über den Tatort, schnippen noch schnell eine Kippe weg oder haben einen Kaffeebecher in der Hand, um zur besten Sendezeit noch Schleichwerbung zu machen. „Hanebüchen“ nennt das Andreas Musch: „Solche Darstellungen entbehren jeglicher Grundlage“, sagt der Leiter der Kriminaltechnik beim Ulmer Polizeipräsidium. Musch muss es wissen. Erst kürzlich wurde seine Inspektion zertifiziert – und zwar als die erst zweite im Land.

Der stellvertretende Kripo-Leiter Bernd Ziehfreund schaut aus diesem Grund schon lange keinen Krimi mehr im Fernsehen an, wie er sagt. Er weiß, dass die Realität der 26 Beamten der Kriminalinspektion 8 (KI 8) ganz anders aussieht. Einen Tatort nach Spuren abzusuchen ist keine Sache von Minuten. In Ausnahmefällen wie bei dem Mordfall am Veltlinerweg am Eselsberg, wo Anfang Januar ein 59-Jähriger in seiner Wohnung von Einbrechern überrascht und getötet wurde, kann das schon mal eine ganze Woche dauern.

„Das hat sich alles grundlegend verändert“, sagt Ziehfreund, den früheren Tatort-Tourismus gebe es nicht mehr. Die Zeiten seien passé, in denen die Kommissare mit ihrem ganzen Stab am Tatort waren, um sich ein Bild zu machen. Vorbei auch die Zeiten der „Spusi“, wie die Spurensicherung früherer Tage fast schon liebevoll genannt wurde. Am Tatort Spuren zu sichern, ist mittlerweile eine Wissenschaft für sich, hochkomplex und erfordert größte Professionalität. „Es geht darum, eine möglichst lückenlose Beweiskette zu liefern“, sagt Ziehfreund, um vor Gericht auch bei einer harten Konfliktverteidigung gewappnet zu sein.

Gesucht wird nach allem, was einen Nachweis bringt: Fingerspuren, Haare, Hautpartikel, Schweißtropfen, Speichel – alles, woraus die DNA eines Menschen gewonnen werden kann. Also ein unverwechselbarer genetischer Fingerabdruck, der auch in Indizienprozessen ohne verlässliche und eindeutige Augenzeugen zum unersetzlichen Beweis geworden ist.

Bis ins kleinste Detail

Die Spurensicherung und -auswertung gewinnt gerade auch wegen des technischen Fortschritts immer größere Bedeutung. Entsprechend sorgsam gehen die Kriminaltechniker vor. Im Unterschied zu früher werden so wenige Personen wie möglich direkt an den Tatort gelassen. Dafür werden die Orte optimal dokumentiert, werden die Örtlichkeiten wie etwa die Wohnung am Veltlinerweg mit der so genannten Panorama-Methode im Detail ausfotografiert. Teilweise werden sogar Videos vom Tatort angefertigt, der zudem präzise vermessen wird. Aber nicht etwa mit dem Zollstock in der Hand oder einem Lasermessgerät aus dem Baumarkt. Vielmehr rücken dazu die Kollegen des Kriminaltechnischen Instituts beim Landeskriminalamt (LKA) mit speziellem Gerät an und scannen die Wohnung im 3D-Verfahren.

Mit der eigentlichen Spurensicherung beginnt dann die Sisyphusarbeit, wie Musch sagt. Um Fingerabdrücke zu sichern kommt zwar immer noch der Zephyrpinsel zum Einsatz, der mit Rußpartikeln die Kapillare von Fingern und Händen sichtbar werden lässt. Vor allem aber werden heutzutage ganze Räume mit einem speziellen Mittel bedampft, um auch die kleinsten und wirklich alle Fingerspuren und Hautpartikel sichtbar zu machen. Gesichert werden die dann nach wie vor von Hand, für kleinere Gegenstände gibt es in den Räumen der Kriminaltechnik am Standort der Kripo an der Lindenstraße in der Ulmer Weststadt entsprechende Apparaturen.

Menschliche Zellen, Hautschuppen und Haare werden nach wie vor aufwendig geklebt und so gesichert. Spielt in einem Verbrechen beispielsweise ein Sofa eine Rolle, wird das ganze Möbel mit Streifen einer speziellen Klebefolie abgeklebt und zur Auswertung zum LKA nach Stuttgart geschickt. Was sich dort unter dem Mikroskop an Haaren oder Zellen findet, wird auf mögliche DNA untersucht. Es werden aber auch Werkzeugspuren erhoben und Fußspuren, weil „selbst die professionellsten Täter oft banale Fehler machen“, wie Musch sagt. Er weiß: „Es gibt kaum einen Täter, der keine Spuren hinterlässt.“ Aktuell konnte einem Einbrecher eine Serie an Einbrüchen in Kindergärten und Pfarrhäusern in Süddeutschland nachgewiesen werden, weil er bei seinen Taten dieselben Schuhe mit demselben Profil getragen hat.

Bei aller Technik hängt der Erfolg aber doch meist vom kriminalistischen Spürsinn der Beamten ab. „An Stellen, an denen ich DNA vermute, muss ich sie suchen“, sagt Musch, der mit seinen Mitarbeitern in den zurückliegenden Monaten viel Gelegenheit dazu hatte, sein Können unter Beweis zu stellen. Los ging es im vergangenen Jahr mit der „Sonderkommission See“, die sich um die Aufklärung des Leichenfundes in einem Erbacher See kümmerte. Oder wenig später mit der „Soko Schiller“, die sich um den Mord an einem an der Schillerstraße in Ulm wohnenden Mann kümmerte. Zuletzt war die „Soko Treppe“ erfolgreich, deren Arbeit nach dem Mord am Veltlinerweg zur Identifizierung von vier Verdächtigen geführt hat (wir berichteten). Ohne die Polizeireform, die den Aufbau einer zentralen und hochmodernen Kriminaltechnik ermöglicht hat, wäre das unter Umständen nicht so gut gelungen. Andreas Musch jedenfalls verteidigt die Reform: Die Kriminaltechnik hat davon profitiert.

Perfekte Räume

Dabei machen die Ulmer nichts anderes, als andere Kriminaltechniker auch. Aber durch die besondere Ulmer Situation, dass mit der Polizeireform für die Kriminalpolizei ein altes Industriegebäude umgebaut wurde, konnte ein perfektes Raumangebot geschaffen werden. Die Kriminaltechniker haben einen eigenen Gebäudeteil bezogen und sind nahezu hermetisch abgeriegelt. Es gibt extra Räume für die erkennungsdienstliche (ED-)Behandlung und mehrere getrennte Untersuchungsräume. Geht es beispielsweise um eine Sexualstraftat, werden Täter und Opfer in verschiedenen Räumen von verschiedenen Polizeibeamten untersucht, um eine mögliche Spurenübertragung auszuschließen.

In dem so genannten ED-Raum werden auch die Phantombilder erstellt. Ein Unterfangen, das gar nicht so leicht ist, wie Musch zugibt, der gerne die Geschichte erzählt, dass er selbst mal versucht hat, Franz Beckenbauer zu beschreiben. Ein Gesicht, das man immer wieder zigfach sieht – und doch hat den Prominenten niemand auf dem Phantombild erkannt: „Die Anforderungen an die Zeugen sind wirklich hoch.“

Kriminalhauptkommissar Roland Späth hilft ihnen dabei. Er hat große Erfahrung damit und erläutert, dass sie mit so genannten Ganz-Gesichtern arbeiten, also nicht einzelne Elemente wie Augen, Nasen und Münder zusammenfügen, sondern komplette quasi Blanko-Gesichter als Grundlage nehmen. Geschätzte 8000 solcher Vorlagen hat die Polizei Ulm im Computer, anhand derer Täterbeschreibungen zu möglichst genauen Fahndungsbildern gebastelt werden.

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