Am Wochenende ist Ulm fest in Narrenhand: Narrenbaumstellen, Guggenmusik-Treffen und am Sonntag der große „Ulmzug“ durch die Innenstadt. Mitten drin im trubeligen Geschehen ist die Narrenzunft Ulmer Bettlhexa, die heuer ihr 30-jähriges Bestehen feiern. Was macht eigentlich die Faszination Fasnet aus? Ein Gespräch mit Gründungsmitglied Jochen Fritz und mit Katrin Thanner, die seit elf Jahren mit an Bord ist und vor sechs Monaten selbst für Nachwuchs gesorgt hat.

Was bedeutet Fasnet für Sie?

Jochen Fritz: Highlife, ganz klar! Da trifft man die ganzen Leute, die man unter dem Jahr sonst nicht trifft. Aber ganz ehrlich muss ich auch sagen: Nach 30 Jahren lässt die Faszination etwas nach. Außerdem wird man im Alter empfindlicher und tut sich nicht mehr jeden Umzug bei jedem Wetter an. Besonders wenn man weiß: Morgen muss ich wieder arbeiten.

Katrin Thanner: Wir sind jedes Wochenende unterwegs. Heuer ist es eine lange Saison. Da sind es neun Wochenenden, an denen jeden Freitag, jeden Samstag und jeden Sonntag was los ist: in der Hauptsache Brauchtumsabende und Umzüge.

In welchem Radius treiben die Ulmer Bettlhexa ihr Unwesen?

Jochen Fritz: Die meisten mit uns befreundeten Zünfte liegen in einem Radius von etwa 30 Kilometern. In den Dörfern um Ulm herum gibt es weit mehr als 100 Fasnets-Vereine. Unsere weitesten Ziele sind Sonthofen und Memmingen.

Wird es nicht irgendwie langweilig, wenn man immer wieder auf die gleichen Leute trifft?

Katrin Thanner: Bei den Brauchtumsabenden bleiben die Hästräger meist unter sich, da kommen wenig andere Leute dazu. Da ist es schon so, dass man am Ende der Saison alle Darbietungen kennt, obwohl die meisten jedes Jahr einen anderen Tanz einstudieren. Aber langweilig wird es deshalb nicht. Und bei den Umzügen ist es ohnehin jedes Mal anders.

Wie sind Sie zur Fasnet gekommen?

Jochen Fritz: Ich bin am Kuhberg geboren, und wir waren mit der Clique öfter bei Veranstaltungen des Kuhbergvereins. Dabei haben wir immer ein gemeinsames Outfit kreiert – und 1989 sind wir als Hexen gegangen. Da sind wir oft angesprochen worden: Wer seid ihr? Und wir haben auch die ersten drei Einladungen bekommen. Im nächsten Jahr haben schon mehr Leute mitgemacht, und 1992 haben wir den Verein gegründet. Da hatten wir schon 36 Mit­glieder.

Und das passende Outfit?

Jochen Fritz: Das haben wir so gelassen wie bei unserem ersten Auftritt: der blaue Rock, das weiße Oberteil und das rote Kopftuch. Es sollte damals alles so günstig wie möglich sein. Wir wollten nicht viel Geld ausgeben und haben ja nicht gewusst, dass daraus was Größeres wird. Die ersten Masken haben wir aus Gipsbinden gebastelt, das Material haben wir geschnorrt – in guter Bettel-Tradition. Die ersten zwölf Holzmasken habe ich selbst geschnitzt, inzwischen erledigt das aber professionell ein ehemaliger Bildhauer aus Weißenhorn.

Und Sie, Frau Thanner, wie kamen Sie zur Fasnet?

Katrin Thanner: Ich bin in der DLRG, und da sind auch Bettl­hexa aktiv. So bin ich dazugekommen und seit 2007 Mitglied im Verein.

Können die Ulmer überhaupt Fasching?

Jochen Fritz: Es gibt viele, die es können – aber die Allgemeinheit kann es nicht. Das merkt man am Umzug. Da ist in kleineren Orten im Umland eine ganz andere Stimmung: Da stehen die Leute in Fünfer-Reihen, und man kann dort mit dem Publikum alles machen. Die Ulmer, die was mit Fasnet am Hut haben, trifft man bei den Umzügen in Eggingen und Einsingen, da fahren sie hin.

Kathrin Thanner: In Ulm sind viele nur scharf auf die Bonbons – und wehe, man kommt da mit Konfetti . . . Da reagieren manche richtig sauer.

Sind Sie wegen Ihres närrischen Engagements im „richtigen Leben“ schon schräg angeredet worden?

Katrin Thanner: Nein.

Jochen Fritz: Überhaupt nicht. Viele finden es toll, dass das einer macht. Und bei mir im Geschäft heißt es manchmal: „Da kommt unser Hexen-Meister.“

Erliegt das Vereinsleben nach Aschermittwoch schlagartig?

Katrin Thanner: Natürlich sind wir alle da erst mal platt. Besonders weil wir von Weiberfasching am Donnerstag an auf den Beinen sind und am Faschingssamstag unseren eigenen Brauchtumsabend in der VfB-Halle am Eselsberg haben.

Jochen Fritz: Früher hatten wir am Aschermittwoch immer unser großes Abschluss-Essen, das haben wir auf den folgenden Funken-Sonntag gelegt. Da ist dann die Erschöpfung überwunden, und fast alle sind wieder dabei. Im Frühjahr machen wir unsere Hauptversammlung, und den Sommer über gibt es einzelne Veranstaltungen. Zum Beispiel unser Sommerfest oder Volleyball-Turniere befreundeter Zünfte, die kommen bei der Jugend gut an. Ende September geht es richtig wieder los mit dem Tanztraining, da treffen sich die Kinder und die Erwachsenen jede Woche. Damit der Tanz zum Beginn der Saison auch sitzt.

Was ist das Besondere an den Ulmer Bettlhexa?

Jochen Fritz: Unser Tanz – wir machen jedes Jahr einen neuen und haben daran hohe Ansprüche, weil wir eine Geschichte erzählen und nicht nur Pyramiden zeigen wollen. Die Pyramiden können wir übrigens fünfstöckig.

Katrin Thanner: Das Besondere an uns ist, dass wir immer relativ viele sind und als große Gruppe auftreten.

Warum sind die Bettlhexa nicht in der Ulmer Narrenzunft?

Jochen Fritz: Anfangs wurden wir von den anderen Gruppen als „Stammtisch-Truppe“ belächelt. Aber wir haben uns auch eine Historie ausgesucht und leben die Fasnet so wie die anderen – bloß dass wir nicht behaupten, wir hätten sie erfunden. Außerdem sind wir trotzdem im Narrenkomitee und arbeiten mit den anderen gut zusammen.

2019 besteht der Verein seit 30 Jahren. Wie groß ist der Verein inzwischen?

Katrin Thanner: Wir haben 94 aktive Mitglieder, davon sind 29 Kinder – und Nummer 30 ist schon unterwegs. Vier Gründungsmitglieder sind noch an Bord: neben Jochen seine Frau Ulrike Fritz, Harald Nertinger und Georg Zettisch.

Wie hält man sich in der Fasnet fit?

Katrin Thanner: Da gibt es nix Besonderes. Höchstens die Empfehlung: Schnell schlafen gehen, wenn es mal spät geworden ist, damit man fit ist für den nächsten Tag. Und mit Kind muss man besser planen, wenn man unterwegs ist.

Jochen Fritz: Auch ich habe kein Geheimrezept.

Was ist Ihr persönlicher Höhepunkt in der Fasnet?

Jochen Fritz: Natürlich unser eigenen Brauchtumsabend am Faschingssamstag. Und der Umzug in Oberdischingen, den würde ich nie auslassen. Da ist immer eine Superstimmung, egal wie das Wetter ist.

Katrin Thanner: Für mich ist es der Nachtumzug in Allendingen. Wir fahren alle zusammen mit dem Bus hin, und im Ort ist alles auf den Beinen.

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Zu den Personen


Jochen Fritz ist gebürtiger Ulmer, der offizielle Vorname lautet Hans-Joachim.  Er ist 58 Jahre alt und hat 1989 die Ulmer Bettlhexa mit aus der Taufe gehoben. Von Beruf ist er IT-Consultant bei Wieland und für ein anderes nicht-närrisches Hobby hat er keine Zeit.

Katrin Thanner ist ebenfalls Ulmerin, 30 Jahre alt, und seit 2007 Mitglied der Narrengruppe. Die gelernte Hauswirtschaftsmeisterin ist seit September hauptberuflich Mutter von Janik und engagiert sich den Sommer über immer in der DLRG.