Europa Kundgebung von „Pulse of Europe“: Fans der europäischen Idee

Ein Bekenntnis zu Europa aus dem Zweiten Weltkrieg las Silvester Lechner aus einem Flugblatt der „Weißen Rose“ vor.
Ein Bekenntnis zu Europa aus dem Zweiten Weltkrieg las Silvester Lechner aus einem Flugblatt der „Weißen Rose“ vor. © Foto: Lars Schwerdtfeger
Ulm / Beate Rose 09.04.2017

Gut, sie hätten sich auch zum Grillen verabreden können. Stattdessen steht die Ärztin Hannah Kind mit Mann und den beiden Kindern am Sonntagnachmittag auf dem Ulmer Marktplatz. Wie schon am Sonntag zuvor.

Denn Sonntagnachmittag ist die Zeit der Fans des vereinten Europas. An vielen Städten in Deutschland machen sich seit einigen Wochen immer sonntags Menschen auf, um für „Pulse of Europe“, also den Pulsschlag Europas, auf die Straße zu gehen. Die Ideengeber der jungen Bürgerbewegung ist ein Anwaltsehepaar aus Frankfurt. In Ulm trafen sich am Sonntag dafür Europafreunde zum vierten Mal. Hannah Kind ist aus ganz persönlichen Gründen dabei. „Wir sind eine europäische Familie“, beschreibt sie. Sie selbst ist Halbfinnin, ihr Mann Jani Leinonen Finne, die beiden ein- und dreijährigen Kinder haben die deutsche und finnische Staatsbürgerschaft. Sie ist überzeugt von der europäischen Idee, nicht nur, weil es für sie persönlich deutlich leichter ist, nach Finnland zu reisen. „Die Bürger der EU haben viele Rechte.“ Damit die gewahrt bleiben, ist sie mit ihrer Familie bei allerschönstem Frühlingswetter auf dem Marktplatz.

Mit der Europahymne, gespielt von einem Saxophon-Duo, startet die Kundgebung. Rund 400 Leute sind vor Ort. Viele singen die Hymne mit, die Textsicherheit schwindet mit der zweiten Strophe. Unter den Demonstranten sind viele Stadträte, wie etwa Gisela Kochs (FWG), Thomas Kienle (CDU), Michael Joukov (Grüne). Einer der Organisatoren ist der ehemalige Landtagsabgeordnete Eberhard Lorenz. Er spricht ins Megafon, wirbt zunächst darum, Europaflaggen gegen Spenden zu erwerben. Zwischenzeitlich wurde in Ulm ein Verein gegründet, der sich „Freunde Europas“ nennt, so Lorenz weiter. Vorsitzende ist die Journalistin Almut Grote.

Ex-Stadtrat Peter Langer, der sich ebenfalls für die europäische Idee begeistert, hat gezielt Demonstrationsteilnehmer angesprochen und aufgefordert zehn Thesen zu verlesen. Etwa diese: „Europa darf sich nicht spalten lassen.“ – „In Europa geht es jetzt um alles.“ – „Europäische Freiheiten sind nicht verhandelbar.“

Flugblatt von 1943

Ein Zeugnis zum „europäischen Gedanken aus der Mitte des Zweiten Weltkrieges“, trug Silvester Lechner vor. Der ehemalige Leiter des Dokumentationszentrums Oberer Kuhberg, der KZ-Gedenkstätte, verlas ein Flugblatt der Widerstandsbewegung „Weiße Rose“ auf dem Petrusplatz in Neu-Ulm. Dorthin waren die Demonstranten gezogen.  Laut Lechner handelt es sich um das fünfte Flugblatt der „Weißen Rose“, verfasst im Januar 1943 von Hans Scholl, der in Ulm aufgewachsen ist, und von Alexander Schmorell. „Deutsche! Zerreist den Mantel der Gleichgültigkeiten, den ihr um euer Herz gelegt habt“, zitierte Lechner. Und weiter: „Das Trugbild der autarken Wirtschaft muss in Europa verschwinden. Freiheit der Rede, Freiheit des Bekenntnisses, Schutz des einzelnen Bürgers vor der Willkür verbrecherischer Gewaltstaaten, das sind die Grundlagen des neuen Europas.“

Lechner erhielt anhaltenden Applaus. Das Flugblatt passte zum Standpunkt von Halbfinnin Kind, die sagte: „Ich will in Sachen Europa keinen Rückschritt. Ich will nach vorne schauen.“

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