SSV Ulm 1846 Fußball Fanprojekt gegen Randalierer seit Jahren verschoben

Fanarbeit sei eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe, sagt der Vereinsvorstand.
Fanarbeit sei eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe, sagt der Vereinsvorstand. © Foto: Matthias Kessler
Ulm / Ulrike Schleicher 11.07.2018
Seit Jahren wird beim SSV Ulm 1846 Fußball die Zusammenarbeit mit einer bundesweiten Expertenstelle in Frankfurt für ein Projekt gegen Randalierer verschoben.

Eine Erklärung hat Gerd Wagner nicht. Mehrmals und über Jahre hinweg ist der Mann aus Frankfurt nach Ulm gereist, um mit dem SSV Ulm 1846 Fußball und der Stadt über die Gründung eines Fanprojektes zu reden. Zuletzt 2014. „Mehrmals sind sich auch alle einig gewesen, dass es aufgrund der Ausschreitungen mit Hooligans so etwas geben muss“, erinnert sich Wagner. Nur: Bis heute ist nichts passiert. „Warum, kann ich Ihnen nicht erklären.“

Im Mai hatten Rechtsradikale Hooligans aus Ulm nach dem Pokalfinale in Stuttgart im Zug randaliert und Leute terrorisiert.

Der SSV-Vorstand distanzierte sich absolut von den Vorkommnissen. Doch es kam auch von Seiten der Fans die Frage auf, was aus dem von Vorstand Thomas Oelmayer 2014 angestoßenen Fanprojekt geworden sei.

Der ausgebildete Lehrer ist einer von sieben Mitarbeitern der „Koordinierungsstelle Fanprojekte“ (KOS) in Frankfurt, die beim Bundesfamilienministerium angesiedelt ist und bundesweit sozialpädagogisch arbeitende Fanprojekte von Fußballvereinen begleitet. „Fußballvereine und Kommunen, die Probleme mit Fans haben, können sich bei uns melden“, erklärt Wagner.

Land verweigerte Ulm den Zuschuss

Das sei bereits 1999 seitens des Vereins geschehen, als Ulm in die erste Bundesliga aufgestiegen war. Aber aus der Sache wurde nichts: Damals lehnte das Land Baden-Württemberg eine finanzielle Beteiligung abKOS-Projekte werden zu je einem Drittel von Kommune und Land finanziert, den Rest übernimmt der DFB“, erklärt Wagner. Die Vereine müssen nichts bezahlen.

Wofür das Geld?

Von dem Geld werden in der Regel zwei Streetworker bezahlt, die bei einem der ansässigen Jugendhilfeträger angesiedelt sind, zum Beispiel Caritas, AWO, Diakonie. „Die Sozialarbeiter nehmen Kontakt zu den Fans auf, begleiten sie zu Spielen und sorgen für Strukturen“, sagt Wagner.

Für viele Vereine sei diese Arbeit eine Erleichterung. „Zum Beispiel, weil sie – wie der SSV – nur ehrenamtliche Fanarbeiter haben, die gar nicht so viel Zeit  investieren.“ Oder weil die Probleme mit gewaltbereiten und rechtsgerichteten Fans zu groß sind.

Bitte um Hilfe

Auch 2011 reiste Wagner nach Ulm. „Der Verein kam nicht aus den Schlagzeilen.“ Die ehemalige Grünen-Stadträtin Birgit Schäfer-Oelmayer hatte KOS um Hilfe gebeten. Nicht zum ersten Mal. Bereits 2010 hatte sie einen entsprechenden Antrag gestellt, der jedoch abgelehnt worden ist: „Niemand wollte so ein Fanprojekt: die Kollegen im Gemeinderat nicht, OB Ivo Gönner nicht, die Verwaltung nicht, und die Polizei nicht.

Einschätzung der Polizei

Letztere trug durch ihre Einschätzung wohl entscheidend zur Ablehnung des Gremiums bei. Nach Angaben der Polizei ist die Zahl der „Gewalttäter Sport“ sowie die der gewaltgeneigten und der politisch rechts orientierten SSV-Fans gering, heißt es im Protokoll der Sitzung.

Und: Eine Vielzahl der Personen kommt aus dem Alb-Donau-Kreis und dem weiteren Umland, eine erfolgreiche Fanarbeit sei deshalb nicht möglich. Worauf die Verwaltung den Schluss zog, ein KOS-Projekt sei überflüssig.

Nicht nachvollziehbar

Eine Argumentation, die Wagner nicht nachvollziehen kann. Fast jeder Fußballclub in Deutschland habe Fans aus dem weiteren Umkreis: „Aber viele davon arbeiten ja in der Stadt oder gehen zur Schule.“ Die Sozialarbeiter suchten Kontakt zu ihnen. Wichtig: „Es geht bei den Fanprojekten ja auch um Prävention.“ Also zu verhindern, dass radikaler Nachwuchs herangezogen werde. „Ehrenamtliche Fanbeauftragte sind damit überfordert“, sagt Wagner und bezieht sich auf die jüngsten Ausschreitungen von Ulmer Fans nach dem Pokalfinalspiel.

In diesem Zusammenhang hat der Vereins-Vorstand Mitte Juni  an die Landesregierung appelliert: Gewaltbereite und rechtsgerichtete Fans seien ein „gesamtgesellschaftliches Problem“, heißt es im Schreiben. Vereine könnten das nicht allein bewältigen.

Hilfe nötig

Dieser Ansicht ist auch Birgit Schäfer-Oelmayer: „Der SSV braucht bei der Fanarbeit eine Fachaufsicht.“ Die finanzielle Beteiligung der Stadt an einem von KOS begleiteten Projekt – mindestens 120.000 Euro müssen bereitgestellt werden – sei überschaubar. „Das sind 30.000 Euro pro Jahr. Der Alb-Donau-Kreis kann sich ja auch beteiligen.“

Neuer Antrag

Konsequenterweise hat die frisch zur CDU-Fraktion gewechselte Stadträtin, die mit dem SSV-Fußball-Vorstand Thomas Oelmayer verheiratet ist, jüngst erneut einen Antrag im Gemeinderat gestellt und um Unterstützung der Stadt für ein Fanprojekt gebeten. Auch ihre ehemalige Fraktion, die Grünen, hat vor rund einer Woche die Verwaltung nach der Fanarbeit des Fußballvereins gefragt und die KOS angesprochen.

Keine Stellungnahmen

OB Gunter Czisch hatte im Vorfeld beider Anträge, auf die Frage, ob er ein solches Fan-Projekt befürworte, mit Zurückhaltung reagiert: Er wolle zunächst Rücksprache mit dem Verein in der Sache halten, bevor er Stellung beziehe, sagte er.

Ob der Fußballverein interessiert ist, ist ebenfalls nicht klar. Der Vorstand bezieht auch grundsätzliche Fragen zu einem Fanprojekt in die laufenden Ermittlungen zum Pokalfinalspiel ein. Bevor diese nicht abgeschlossen seien, gebe man keine Stellungnahme ab, ließ der Vorstand wissen.

Gerd Wagner bedauert, dass Ulm nie auf die Unterstützung von KOS zurückgegriffen hat. „Man hätte sicher schon viel erreicht inzwischen.“ Letztendlich gehe es auch darum, die aktiven Fans des SSV zu stärken: „Solche, denen es um den Sport geht.“ Denn je größer diese Gruppe sei, desto stärker sei der Gegenwind für die Randalierer im und vor dem Stadion.

Ausschuss für Sicherheit und Sport

Aktueller Stand Die Polizei in Ulm gibt die aktuelle Zahl gewaltbereiter und gewaltsuchender Personen aus der Ultra- und Hooliganszene mit rund 140 Personen an. Politik – ob rechts oder links – spiele keine Rolle, so der Polizeisprecher. Er und auch der Ulmer OB verweisen auf den Örtlichen Ausschuss Sicherheit und Sport (ÖASS), den es seit 2009 gibt. Diesem gehörten neben Vertretern der Stadt und des Polizeipräsidiums  auch Verantwortliche des SSV Ulm 1846 Fußball an. Dieses Gremium analysiere ständig die Situation im Zusammenhang mit dem Spielbetrieb und den Fangruppen des Vereins und suche erforderlichenfalls Lösungsmöglichkeiten.

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