Ulm / THOMAS LIERSCH Neue Debatte im alten Konflikt zwischen Radfahrern und Fußgängern: Zwei Meter müssen Waldwege in Baden-Württemberg mindestens breit sein, damit Radfahrer darauf fahren dürfen. Eine Initiative hat in einer Online-Petition mehr als 30.000 Unterschriften gegen diese Regelung gesammelt. Das Beispiel Ulm-Böfingen zeigt, dass Kompromisse schon heute möglich sind.
Wenn Radfahrer im Wald auf Fußgänger treffen, kann es schon mal Ärger geben. So war das auch vor gut einem Jahr im Ulmer Stadtteil Böfingen, als sich dort Mountainbiker Strecken anlegten und querfeldein durch das Erholungsgebiet fuhren - in hohem Tempo und über Sprungschanzen. Wanderer fühlten sich gefährdet, auch Naturschützer beklagten sich. Nach längeren Auseinandersetzungen gab es eine Einigung. Heute fahren die Biker in Böfingen auf einer im Einvernehmen gefundenen Strecke.

Doch legal ist das nicht, die Radfahrer werden lediglich geduldet. Denn in Baden-Württemberg dürfen Radfahrer laut Landeswaldgesetz nicht auf Wegen fahren, die weniger als zwei Meter breit sind. In einer Online-Petition wenden sich nun mehrere Radverbände gegen die Zwei-Meter-Regel. Mehr als 30.000 Unterschriften sind innerhalb eines Monats zusammengekommen, 50.000 sollen es bis Ende November werden. Zu den Initiatoren der Petition gehört die Deutsche Initiative Mountainbike (Dimb), ein Verein mit 60.000 Mitgliedern.

"Radfeindlich" nennt Hendrik Ockenga von der Dimb die Zwei-Meter-Regel. Im Alltag gebe es kaum Probleme zwischen Radfahrern und Spaziergängern, weshalb eine solche Regelung nicht nötig sei. Zudem könne die Breite eines Waldweges ohnehin nicht gemessen werden, weil es keine klaren Begrenzungen wie durch Bordsteine gebe. "Wichtig ist uns die gegenseitige Rücksichtnahme", sagt Ockenga. Die Zwei-Meter-Regel aber steht dem entgegen, meinen er und die Petitionsunterstützer. Denn: Aufgrund dieser Regel selbst gebe es immer wieder unnötige Diskussionen. Spaziergänger würden Radfahrern auf schmaleren Wegen vorhalten, dass sie dort gar nicht fahren dürfen. So komme es zu Konflikten, auch wenn die Spaziergänger gar nicht gefährdet worden seien.

Auf breiteren Wegen sei die Gefahr sogar höher. "Dort treffen viele Fußgänger auf viele Radfahrer, die schnell unterwegs sind", sagt Ockenga. Auf schmalen Wegen seien Radfahrer dagegen vorsichtiger unterwegs. Man müsse den Bürgern mehr Verantwortung zutrauen. "Nicht alle Radfahrer und auch nicht alle Mountainbiker sind Rowdys", sagt Ockenga.  Er selbst steige vom Rad, wenn er auf einem sehr engen Weg Fußgängern begegne. Querfeldeinfahren verurteilt er, das verstößt auch gegen die Richtlinien der Dimb. Rowdys, die das machen, ließen sich aber ohnehin nicht von irgendwelchen Regelungen wie einer Mindestbreite für Wege beeindrucken.

Der Schwäbische Albverein stellt sich wegen Sicherheitsbedenken hinter die Zwei-Meter-Regel. Wegereferentin Martina Steinmetz sagt: "Wir vertreten die Interessen der Wanderer." Gegenseitige Rücksichtnahme sei natürlich gut, sie befürchtet aber eine größere Gefahr für Wanderer ohne die bestehende Regelung. Gerade ältere Wanderer seien dann betroffen. Sie könnten nicht so schnell zur Seite gehen, wenn ihnen auf schmalen Wegen Radfahrer begegneten. Steinmetz verweist darauf, dass es schon heute die Möglichkeit gebe, dass Singletrails ausgeschrieben werden - also schmale Wege, die speziell für Mountainbiker gedacht sind, die sportlich fahren wollen.

Für Ockenga von der Dimb sind einzelne speziell ausgeschriebene Strecken nur eine "Pseudo-Lösung", zumal auch auf diesen Wegen trotzdem auch Fußgänger unterwegs sein dürfen. Für ihn bleibt klar: Das Radfahren auf schmalen Waldwegen soll legalisiert werden, die Zwei-Meter-Regel ergibt keinen Sinn und muss gekippt werden. Thüringen habe eine ähnliche Regelung zurückgenommen, Hessen auch. Ockenga hofft, dass die Petition in Baden-Württemberg dasselbe bewirkt: "Wir glauben, wenn sich die Politik mit dem Thema beschäftigt, wird die Regelung fallen." Tatsächlich liegt im Landtag eine Anfrage der CDU vor, zu früherem Zeitpunkt hatte bereits die FDP-Fraktion eine Anfrage an das von Alexander Bonde (Die Grünen) geführte Ministerium für ländlichen Raum. 

Die damalige Antwort gleicht der Antwort auf Nachfrage der SÜDWEST PRESSE: "Grundsätzlich dient die Zwei-Meter-Regel dem Interessensausgleich zwischen Wanderern, Mountainbikern, Touristikern, Waldbesitzern, Naturschützern und Jägern. Über das Pilotprojekt im Schwarzwald prüfen wir mit allen Beteiligten Alternativen zur bestehenden Regelung." Das angesprochene Projekt sieht vor, dort zehn Prozent des Mountainbikenetzes als Singletrails einzurichten.

Die Idee ähnelt der in Böfingen gefundenen Lösung, wo allerdings keine Schilder die Strecke der Mountainbiker ausweisen. Der dort zuständige Revierförster Max Wittlinger sagt, die Situation vor Ort sei inzwischen "sehr entspannt". Die Mountainbiker würden sich fast alle an die festgelegte Strecke halten, die für die Natur und die Sicherheit der Wanderer verträglich sei. Wittlinger ist gegen die Petition und findet, die Zwei-Meter-Regel habe sich bewährt. Er glaubt, bei einer Aufhebung könnte die Unfallgefahr steigen und es könnten wieder mehr Mountainbiker auf die Idee kommen, querfeldein zu fahren.

Einer der Böfinger Mountainbiker, der anonym bleiben möchte, sagt: "Wir sind super zufrieden." Böfingen sei für ihn ein Positivbeispiel. Konflikte mit Spaziergängern gebe es inzwischen selten und unter den Bikern würden sich nur "ein paar Idioten" nicht an die erlaubte Strecke halten. Der Mann gehörte zu den Vertretern der Radfahrer, die jene Strecke damals mit Naturschützern und Förstern ausgehandelt hatten. Doch auch wenn mit der abgesteckten Strecke in Böfingen ein praktikabler Kompromiss gefunden wurde: In Sachen Zwei-Meter-Regel sind die Mountainbiker anderer Ansicht als Förster Wittlinger - viele von ihnen haben die Petition dagegen unterschrieben.