Kunst Expressionistische Holzschnitte im Scharff-Museum

Typisch expressionistisch: Hanns Bolz’ Holzschnitt „Stadtbrücke“ aus dem Jahr 1912.
Typisch expressionistisch: Hanns Bolz’ Holzschnitt „Stadtbrücke“ aus dem Jahr 1912. © Foto: Sammlung Joseph Hierling
Ulm / Lena Grundhuber 11.06.2018

Wer in eine Holzplatte schneidet, der spürt was. Spürt den Widerstand des Materials und die eigene Kraft, vielleicht die Leidenschaft oder auch die Wut, die ihm das Schnitzmesser führt. Wer einen Holzschnitt macht, der setzt sich direkt auseinander mit sich und der Welt. Und so kann man viel darüber theoretisieren, wieso die deutschen Expressionisten derart in diese urälteste Drucktechnik vernarrt waren – der erste, unmittelbare Grund dürfte wohl der Akt, die Tat, selbst gewesen sein.

„Die Expressionisten schätzten das Spontane“, sagt Ron Manheim, Kurator der neuen Ausstellung im Edwin-Scharff-Museum. Doch der Holzschnitt sei auch ein Instrument der Eigenwerbung für die Künstler gewesen, die damit bei Sammlern Interesse weckten und in Avantgarde-Zeitschriften wie „Der Sturm“ präsent waren. Holzschnitte waren mitverantwortlich für den „Flächenbrand“, den diese Strömung seit 1908 auslöste. So heißt sie denn auch, die Ausstellung in Neu-Ulm: „Flächenbrand Expressionismus“.

Die ganze Breite

„Die Idee ist es, die ganze Breite der expressionistischen Bewegung einmal darzustellen“, sagt Museumsleiterin Helga Gutbrod. Tatsächlich hängen Werke von 91 Künstlerinnen und Künstlern an den Wänden, die alle aus der Privatsammlung von Joseph Hierling stammen. 1000 Blätter umfasst die Kollektion insgesamt, 130 davon sind im Edwin-Scharff-Museum nun das erste Mal überhaupt präsentiert.

Seit vielen Jahren stehe sie mit Hierling in Kontakt, und irgendwann habe er ihr dann von seiner Sammlung erzählt, berichtet Helga Gutbrod. Die sei einzigartig, zeige sie den Expressionismus doch in seiner Vielfalt, also nicht nur in Gestalt der ewig gleichen Promis vom „Blauen Reiter“ und der „Brücke“ – ein einziger Kandinsky, ein einziger Kirchner sind in der Schau vertreten.

Wer auf die Schildchen guckt, findet vor allem Namen, die heute kaum einer mehr kennt: Josef Achmann, Max Westhäuser oder Adolf de Haer. Letzteren schätzt Kurator Manheim, ehemals stellvertretender künstlerischer Direktor des Museums Schloss Moyland, besonders: „Wer hat sich schon getraut, sowas zu zeigen!“, ruft er begeistert vor einem hocherotisch sich ineinander auflösenden Liebespaar. Gleich nebendran hängt dafür ein brav romantisches Motiv. Fast musicalhaft swingt die Szene „Somebody loves me“ von Frans Masereel, der zu diesem Zeitpunkt wohl wirklich in New York weilte.

Denn die Schau und der eigens vom Edwin-Scharff-Museum publizierte Katalog zeigen auch, dass Expressionismus nicht einfach Expressionismus ist, auch wenn es gemeinsame Tendenzen und Motive gibt: die Abkehr von der Wiedergabe der Natur, das Ende des einheitlichen Raums, die brennenden Großstädte, die verschwitzten Varietés und die scharfe Gesellschaftskritik. Man findet die typischen Züge exotischer Masken, die Munch’schen Schreie, deutliche Anklänge an Franz Marcs Tiere und die Abstraktion der Pariser Kubisten. Und selbstverständlich gibt es viele grobe, harte, harsche Schnitte in dieser größtenteils schwarz-­weißen Schau.

Aber in einem kolorierten Druck von Wilhelm Schnarrenberger sieht die brennende Stadt fast wie ein naives Wimmelbild aus, und der in sich versunkene Musiker von Ewald Dülberg ist ganz fein auskomponiert. Nicht alles ist laut und roh, manchmal steht auch einfach  eine „Rote Kirche am Friedhof“, wie bei Joachim Rágóczy. Wer darauf achtet, wird die passenden Trakl-Zeilen dazu entdecken. „Es ist ein Stoppelfeld, in das ein schwarzer Regen fällt“ – auch mit Worten konnten die Expressionisten malen wie kaum jemand sonst.

Aus der Sammlung Hierling

Ausstellung „Flächenbrand Expressionismus. Expressionistische Holzschnitte aus der Sammlung Joseph Hierling“ bis 19. August im Edwin-Scharff-Museum Neu-Ulm. Di/Mi 13-17 Uhr, Do/Fr 13-18 Uhr, Sa/So 10-18 Uhr. Informationen gibt es im Netz unter: www.edwinscharffmuseum.de

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