Geschichte Experten sichern ein Stück Ulmer Stadtmauer als Geschichte

Ulm / JAKOB RESCH 20.04.2016
Ein gutes Stück alter Stadtmauer ist am Mittwoch an der Olgastraße ausgehoben und damit für die Zukunft gesichert worden. Die Mauerblöcke werden vor Ort wieder eingebaut – im Neubau für die Bürgerdienste. <i>Mit Bildern aus der Baugrube.</i>
Für die Männer vom Rieger & Moser war der Job mit dem Autokran ein Leichtes, obwohl es um tonnenschwere Blöcke ging. „So was machen wir öfter“, sagt Hermann Sailer. Per Funk hat er Kranfahrer Marjan Vintar eingewiesen, der ein bisschen einschränkt: „Nur, dass das hier halt so alt ist.“

Stimmt. Was die beiden am Mittwoch aus der neun Meter tiefen Baugrube an der Olgastraße heraus durch die Luft steuerten, waren zwei Stücke spätmittelalterliche Ulmer Stadtmauer. Die Archäologen um Jonathan Scheschkewitz und Hans Lang hatten sie samt einem Vorturm am Standort des künftigen Service-Zentrums der Bürgerdienste ausgegraben und angesichts der baugeschichtlichen Phasen, die sich abzeichneten, befunden: Absolut erhaltenswert. Gesagt, getan. Das heißt, damit es getan werden konnte, waren außer den Kranleuten noch eine ganze Menge anderer Experten am Werk.

Zum Beispiel die Leute von Mario Bierfreund, der mit seiner Firma für Betonbearbeitung im hessischen Ober-Ramstadt sitzt. Drei Wochen waren sie in Ulm im Einsatz, um die beiden ausgewählten Blöcke mit der Diamantseilsäge aus der Mauer zu schneiden und reisefertig zu machen. Sie sind geübt in solchen Sachen, auch bei historischer Bausubstanz, „wenn auch weniger im archäologischen Bereich“.

In der Grube sind die Teile in einen Stahlrahmen eingepasst und mit Pressschläuchen festgedämmt worden. Klar, die größte Angst war, dass die Mauer aus dem Rahmen fällt. Zunächst ging es am Mittwoch dann mit dem Sechs-Tonnen-Stück mit markanter oberer Bruchkante nach oben – die einfachere Übung. Es handelt sich dabei um ein homogenes Ziegelmauerstück. „Das hat man schon beim Sägen gemerkt.“

Dann kam der größere Brocken mit einem Gewicht von 14,5 Tonnen, aus Ziegel- und Kalkstein bestehend ein Zeuge verschiedener historischer Bauphasen. „Da heb’ ich schon noch mal die Luft an“, sagte Matthias Steyer, der die Mauerschneider von Ulm in den letzten Wochen begleitet hat. „Wir können nicht sehen, wie die Substanz mittendrin ist.“ Steyer ist der Restaurator in dieser Geschichte mit Werkstatt in Eppstein im Taunus.

Doch die Stadtmauer hielt stand. Nach dem Herausheben waren die runden Schleifspuren der großen Säge gut auf den Schnittblöcken zu sehen, sie verwischten das Bild der Mauer. Für Steyer geht es nun darum, deren Struktur samt Mörtelfugen wieder herauszuarbeiten, „damit es optisch auch was hermacht“. Das dauert noch einmal so lange wie das Herauslösen. Die geborgenen Blöcke sind dazu mit Tiefladern in den Baubetriebshof der Stadt im Kaltwässerle verfrachtet worden. Der Restaurator ist selber gespannt, wie es nachher aussehen wird.

Während die in der Grube verbliebene Stadtmauer jetzt vollends untergeht, kehren die geretteten Teile schon im Herbst zurück – „wenn die Erdgeschosswände für den Neubau der Bürgerdienste betoniert werden“, sagt Projektleiter Volker Eisele vom Architekturbüro Bez + Kock aus Stuttgart. Er hat dafür schon die Lagepläne. „Die Stadtmauer liegt genau im Grundriss.“ Ihr Verlauf wird in der Empfangshalle, farblich abgesetzt, auf dem Terrazzoboden nachgezeichnet, die Mauerreste werden dazu vom Schnitt her fast original wieder mit eingebaut, wenn auch um ein paar Meter versetzt. Die Ulmer, die die Bürgerdienste besuchen, werden in zwei Jahren also förmlich auf die Relikte der alten Befestigung stoßen. Tafeln informieren dann über deren Bedeutung.

Damit schließt sich der Kreis. Von Anfang an habe es in Abstimmung mit dem Landesamt für Denkmalpflege „den Gedanken an eine wie auch immer geartete Integration ins Bauwerk“ gegeben, sagt Martin Fritsche vom Gebäudemanagement der Stadt. Jetzt, da nach erfolgter Rettung am Mittwoch allen ein Stein vom Herzen gefallen ist, kann das Werk vollendet werden. Dann muss bloß noch mal ein Kran her.

Verbau am Mittwoch und Rohbau am Freitag

Archäologen Grabungsleiter Hans Lang will noch einmal in die Baugrube für die Bürgerdienste, wenn ausgeschachtet wird. „Wir müssen unbedingt noch ein paar alte Hölzer mitnehmen“, für die dendrochronologische Untersuchung, also die Datierung anhand der Baumringe. Die Archäologen haben nämlich eine gut erhaltene Holzverschalung für den Stadtmauerbau gefunden – Lang nennt ihn „Ulmer Verbau“.

Architekten Die Baugrube wird zügig eingeebnet. Mitte Mai soll der Rohbau für die Bürgerdienste beginnen, sagt Architekt Volker Eisele, im Spätsommer 2018 soll das Dienstleistungszentrum fertiggestellt sein. Die Verzögerung der Arbeiten für die Sedelhöfe genau gegenüber übrigens entspannt die Lage in der Grube buchstäblich.

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