Bombenfund Evakuierung verläuft reibungslos

Gute Laune in der Weststadtschule: Zineb Schweizer (rechts) und Maria Kovacs (Mitte) unterhalten sich bestens. 
Gute Laune in der Weststadtschule: Zineb Schweizer (rechts) und Maria Kovacs (Mitte) unterhalten sich bestens.  © Foto: Amrei Groß
Neu-Ulm / Ulrike Schleicher, Amrei Groß 14.04.2018

„Blöd“, sagt die Frau mit den weißen Haaren. Gerade hat die 76-Jährige überlegt, dass es vielleicht nicht das letzte Mal sein wird, dass sie samt ihrem Rollstuhl evakuiert wird und ein paar Stunden im Foyer der Ratiopharmhalle verbringen muss. Schließlich ist es die dritte Fliegerbombe aus dem Zweiten Weltkrieg, die heute in Neu-Ulm entschärft wird. „Und wer weiß, ob es die letzte ist“, sagt sie.

Einmal sei sie bei ihrer Tochter untergekommen. „Aber sie hat Schichtdienst, heute hat es nicht geklappt.“ So wie vermutlich bei den bislang rund 40 anderen, meist alten Menschen, die das BRK seit dem Morgen aus ihren Wohnungen abholt. „Es sind diejenigen, die nicht mobil sind und nirgends unterkommen“, hatte der BRK-Kreisbereitsschaftsleiter Florian Schaich im Lagezentrum erklärt. 18 Fahrzeuge, zwei Ärzte und rund 100 Mitarbeiter würden sich um Kranke kümmern und Vorsorge für alle Fälle treffen.

„Man kann ja nix ändern“, sagt die Frau im Rollstuhl und löffelt ihre Tomatensuppe, die seit 11 Uhr bereitsteht. Zum Lesen habe sie was dabei. Nur – bei der nächsten Bombe hofft sie, dass ihre Kinder keinen Schichtdienst haben.

Niemand wird gezwungen

Während die Seniorin wartet und isst, läuft in der Sperrzone die Evakuierung auf Hochtouren. Teams aus Polizei, Feuerwehr, Technischem Hilfswerk und den Bereitschaften des Bayerischen Roten Kreuzes im Kreis Neu-Ulm gehen systematisch von Haus zu Haus und von Tür zu Tür.

Sie klingeln und klopfen; öffnet niemand, wird das Gebäude mit weiß-rotem Flatterband und Warnschildern in deutscher oder türkischer Sprache abgesperrt. Oft treffen die Einsatzkräfte niemanden an; viele sind angesichts des Werktags ohnehin bei der Arbeit. „In der Regel haben alle Bewohner im Laufe der Woche bereits Vorabinformationen erhalten, dass sie ihre Wohnungen räumen müssen“, sagt Oliver Felk, Gruppenführer der Feuerwehr Neu-Ulm.

Immer wieder hallen Lautsprecherdurchsagen durch die menschenleeren Straßen: „Sie befinden sich im Gefahrenbereich. Verlassen Sie aus Sicherheitsgründen das Gebäude und begeben Sie sich aus dem abgesperrten Bereich.“ Gezwungen, seine vier Wände zu verlassen, wird an diesem Tag niemand. „Wenn jemand nicht gehen möchte, muss die betreffende Person eine Erklärung unterschreiben, dass sie belehrt worden ist und auf eigenes Risiko hierbleibt“, erklärt Felk. Am Ende entscheiden sich nur 57 Neu-­Ulmer für diese Option – ihre Zahl bleibt im mittleren zweistelligen Bereich, niemand davon in unmittelbare Nähe der Bomben-Fundstelle. Weitere rund 60 Menschen finden in der Turnhalle der Weststadtschule Zuflucht.

Dort ist die Stimmung gelöst und gut. „Wir haben Spaß und lachen viel“, sagt Zineb Schweizer, die mit ihrem Chihuahua Chipsi in die Betroffenensammelstelle gekommen ist. Die Betreuung sei hervorragend, die Verpflegung gut. „Ich komme gerne wieder“, scherzt sie. Auch ihre Sitznachbarin Maria Kovacs fühlt sich „sehr gut unterhalten“. Langweilig wird es in der Weststadtschule niemandem. Eine Frau strickt, andere haben sich Bücher mitgebracht und lesen. Für Kinder hat das Bayerische Rote Kreuz eine Spielecke eingerichtet, zudem werden Luftballons verteilt.