Literatur Eva Christina Zellers Bilder von Venedig

Süchtig nach Venedig: Eva Christina Zeller.
Süchtig nach Venedig: Eva Christina Zeller. © Foto: Otfried Käppeler
Ulm / Otfried Käppeler 17.05.2018

„Für mich ist die Poesie die vierte Dimension.“ Eine Lyrikerin bemüht die Physik und widmet dem Euklidischen Raum und der Raumzeit ein Gedicht? Warum nicht!  Zumindest für Nichtphysiker bleibt die Raumzeit etwas so Reales wie Vages in allenfalls assoziativem Verstehen. Das kann man auch über die Gedichte von Eva Christina Zeller sagen, die vom Realen assoziativ ins Bildhafte wechselt, oder besser: In ihren Gedichten werden Reales und Bildhaftes eins, wenn etwa, so am Neckarufer in Tübingen geschehen, die Tochter der Autorin einen Weidenzweig abbricht und der Mutter bringt und die den mit einem Ölzweig vergleicht.

Zur Lesung ihrer Gedichte hatte die 1960 in Ulm geborene und heute in Tübingen lebende Lyrikerin den Schauspieler Udo Rau mit in die Stadtbibliothek gebracht, der nicht nur die Gedichte las, sondern ihr aus dem Vorlesen heraus Fragen stellte. Das erweiterte die Lesung zu einem lockeren Werkstattgespräch mit biografischer Note. Der ist hinzuzufügen, dass die Lyrikerin, ­Theaterautorin und freie Rundfunkjournalistin den Thaddäus-Troll-Preis und zuletzt das Venedig-Stipendium des Kulturstaats­minis­teriums erhalten hat.

Venedig sei eine Sucht für sie und ein Ort, an dem man sich nicht grämen könne, sagte die Dichterin. Aber „Venedig gibt es nicht, nur Bilder davon“ – und es gibt einen Zyklus mit Gedichten über Venedig von ihr in dem Band „Auf Wasser schreiben“. Auf Wasser schreiben ist eine flüchtige Angelegenheit, also bemüht Zeller nicht die fast schon klischeehaft zementierten Bilder von Venedig. Es sind kurze, kaum zu verortende Momente der Wahrnehmung, denen die Gedichte folgen, ohne dass tatsächlich ein lyrisches Ich auszumachen ist. Die Lyrikerin ist hier ganz Augenmensch, der über die Wahrnehmung – natürlich mit all ihrem Wissen – die Dinge erfasst, um sich ihnen in der lyrischen Transformation wieder zu entfernen. Hin zur Poesie, dieser vierten Dimension.

Info Eva Christina Zeller: Auf Wasser schreiben. Gedichte. Klöpfer & Meyer Verlag, 127 S., 18 Euro.

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